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The Blood, The Flowers, The Fire - Druckversion

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The Blood, The Flowers, The Fire - Naila Castellanos - 21-02-2026

The golden girl
bathed in the Water
And the Water turned Gold

Man merkte Naila nicht an, wie nervös sie war. Seit sie einen Fuß aus der Kathedrale gesetzt hatte, die Hand umschlossen von dem Prinzen, mit dem sie fortan einen Namen teilte, lag ein Leuchten in ihrem Gesicht; jung, lebendig, ein wenig aufgeregt vielleicht. Mit einem neuen Nachnamen hatte sie den langen Marsch über die Rosenblätter angetreten und wurde getragen von den Volksrufen zu ihren Seiten, ein Lachen auf ihren Lippen, während Blüten über ihre Köpfe hinweg segelten. Und selbst jetzt, nach all den Zeremonien, dem üppigen Mahl und den nicht abebbenden Glückwünschen war das Glück in ihrem Gesicht nicht verschwunden. Warum auch? Es war ihr Tag. Sie sollte glücklich sein. Alles war darauf ausgerichtet, dass sie als Braut strahlte, den Weg von ihrem alten Leben in ein neues bestritten, in dem sie endlich eine Aufgabe hatte. Prinzessin von Castandor. Zukünftige Mutter von kleinen Prinzen, die sie erfüllen und ihrem Leben eine Daseinsberechtigung geben würden. Wurzeln schlagen in einem fremden Land; es klang so einfach, wenn man es zu Papier dokumentierte und später in Liedern singen würde. Was spielte es da für eine Rolle, wie sich die Prinzessin dabei fühlte, alles, was sie kannte, hinter sich zu lassen?

Trommelschläge und Flöteninstrumente trugen die lebendige Musik über den gesamten Außenbereich, der mit Flieder, Drillingsblumen und Lilien geschmückt war, mit abertausenden Feuerstellen erhellt, auch wenn die Sonne längst untergegangen war. Warme Septemberluft rauschte an den feiernden Gästen vorbei und trug ein wenig Salz vom Meer mit sich, während im Hintergrund ein Brunnen plätscherte. Es gab handverlesenen Wein, der kein Ende zu finden schien mit Dienern, die ständig für Nachschub sorgten - etwas, das bitter nötig war, denn die castandorischen Gäste wussten alle, wie man trank. Augusto Castellanos persönlich saß auf seinem Platz an der Tafel, zurückgelehnt in seinem Stuhl mit einer Hand auf dem Bauch, die andere den Weinkelch umfasst. Kosma, seine Frau die Königin, stand unweit der Tanzenden und unterhielt sich mit ihrem Bruder. Leandros fand sich unter den Tanzenden, sein Schritt erstaunlich leichtfüßig, obwohl Naila ihn mindestens vier Kelche hatte leeren sehen. Und wie er strahlte. Wie sie alle strahlten. Wie sie sich alle an der Hochzeit erfreuen, als wären alle Sorgen vergessen. Den Himmel zeichneten keine Wolken, keine Vorahnung auf Regen in den kommenden Tagen, nur Sterne, die den Palast erhellten und man könnte meinen, Heofader selbst schaue auf sie herab und gebe ihnen seinen Segen. Was auch immer sie morgen erwartete, es konnte warten.

Es Naila allerdings nicht los, die Vorstellung, was sie heute noch erwartete. All die Geschichten und Erklärungen, die sie von ihren Gesellschafterinnen und ihrer Mutter aufgenommen hatte, hatten ein abstraktes Bild ergeben, was sie nicht so richtig zu deuten wusste - und das machte ihr Angst. Es ließ sie an ihrem vorgesehenen Platz neben Orpheus sitzen mit einem Lächeln, das nur eine Spur zu dünn war und kurz davor war, zu reißen, bevor es ihre Augen erreichte. Während sie mit vielen bekannten Gesichtern sprach und die Glückwünsche dankbar annahm, rührte sie kaum etwas von den Speisen an. Es war ein Wunder, dass sie immer noch mit Eleganz und Grazie über den Boden schwebte und das Lachen echt über ihre Lippen perlte, als sie ganz im Bilde der castandorischen Tradition ein paar Porzellanteller vor ihren Füßen zerscheppern ließ und die Jubelrufe der Umstehenden sie einlullten in warme, weiche Wolken, bis sich ihr Kopf ganz leicht anfühlte. Mit Orpheus von seinem Cousin beansprucht, der einen Arm um seine Schulter legte und ihn weg von seiner Braut zog, drehte Naila sich lächelnd von dem zerbrochenen Porzellan weg und nahm dankend das feuchte Tuch auf einem Tablett entgegen, um die FIngerspitzen von möglichen losen Splittern zu befreien. Ihr Blick glitt über die Gäste, die sich langsam wieder zu der Musik auf der Tanzfläche einfanden, zu Ranya, die sich mit Euphemia ganz prächtig zu verstehen schien, zu Rajani und Anya, die ihre Röcke rauften und lachend umeinander tanzten.
Zu Samir schließlich, dessen Blick den ihren traf und sie von innen wärmte. Naila wartete, bis er nah genug war und sie ihre Worte an ihn richten konnte, ohne die Stimme angestrengt heben zu müssen.
“Du weißt gar nicht, wie viel es mir bedeutet, dass du der Einladung folgen konntest.”
Es war Ehrlichkeit, die sie trotz des lauten Umfeldes mit einer Sanftheit ausdrückte, die ihren Worten mehr Wert verlieh. Und tatsächlich war sie dankbar um jedes matariyyanische Gesicht, das sie heute hier antraf; um jedes Stück Heimat, das sie mitgenommen hatten in einer Fremde, die sie von nun an ihr Zuhause nannte. Dass die matariyyanische Anwesenheit keine Selbstverständlichkeit war, sah man an den fehlenden Gesichtern, denn weder Vater, Mutter, noch Brüder der Braut ließen sich unter den Gästen finden.