27-04-2024, 21:50 - Wörter:

Er verlor sich in seinen farbenfrohen Erzählungen über sein Lieblingsreiseland Farynn, denn Naila fand genau die richtigen Worte, um den zurückhaltenden jungen Mann ein wenig aus der Reserve zu locken. Und entgegen seiner Annahme, dass seine Beschreibungen von Kenmara die Prinzessin langweilen oder sie ihn für seltsam halten würde, spürte Orpheus, wie seine Worte Interesse in den Augen der Prinzessin weckte. Vielleicht war es Einbildung, aber dann bestätigte Naila ihm, dass sie nicht gelangweilt war.
Orpheus nickte, denn er glaubte ihr, und ein schüchternes Lächeln umspielte seine Mundwinkel, welches sich etwas intensivierte, als Naila seinen Vorschlag für die Blumen des Gesteckes so positiv aufnahm. Ihr Lob fühlte sich an wie Sonnenstrahlen auf seiner Haut, wärmend und ermutigend. Und tatsächlich fühlte er sich ein wenig sicherer, vor allem, da sie ihm bestätigte, dass sie einen ähnlichen Gedanken verfolgt hatte, was die Dekoration anging. Vielleicht war es doch nicht so schwer, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Sein Blick streifte kurz die Stoffe, die Naila erwähnte, und er nickte zustimmend. "Die Farben würden sich wunderbar ergänzen.", stimmte er zu, bevor er seinen Blick wieder auf Naila richtete.
Als Naila ihm für die Beschreibung von Kenmara dankte und sich wünschte, selber einmal dort gewesen zu sein, durchzuckte Orpheus ein angenehmes Kribbeln. Vielleicht war Naila nicht nur die zukünftige Prinzessin an seiner Seite, sondern auch jemand, mit dem er sich wirklich verbunden fühlen konnte. Als sie ihm anbot, mehr von seinen Geschichten zu hören, konnte er kaum glauben, dass sie wirklich interessiert war. Aber die Wärme in ihren Augen und die Zartheit ihrer Worte ließen keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte.
Er war so überrascht, dass er gar nicht anders konnte, als ihren Blick zu erwidern, und für einen Moment schien die Welt um sie herum stillzustehen. Es war, als ob sie beide in diesem Moment ganz allein waren, abseits von Protokoll und Erwartungen, verbunden durch ihre gemeinsame Begeisterung für die Schönheit der Welt.
Und ein neuer Gedanke formte sich in Orpheus Kopf, über den er selbst erstaunt war, dass er ihn bisher noch so überhaupt nicht in Betracht gezogen hatte. Würde sie ihn auf seinen Reisen begleiten? Er hatte nicht angenommen, dass sich eine Prinzessin überhaupt für die Dinge interessieren könnte, welche ihn begeisterten. Doch die junge Frau aus Matariyya hatte es innerhalb kürzester Zeit geschafft, Orpheus´Interesse zu wecken. „Es wäre mir eine Ehre, Euch die Schönheit von Farynn zu zeigen, Prinzessin Naila, wenn Ihr möchtet. Wir könnten gleich nach der Hochzeit dorthin reisen. In den Bergen gibt es auch heiße Quellen, die Euch sicherlich gefallen werden. Allerdings regnet es sehr häufig in diesem Land, das ist weniger angenehm.“
Seine Wangen hatten sich gerötet vor Begeisterung, denn während Orpheus sprach, befand er sich bereits gedanklich wieder an den Orten, welche ihn faszinierten und die er Naila, nun da sie Interesse gezeigt hatte, unbedingt zeigen wollte. Am liebsten wäre er sofort dorthin abgereist, und hätte die ganze Hochzeit und alles, was dazu gehörte, einfach übersprungen.
Und was er völlig verdrängt hatte, war die Tatsache, dass sich sein Land im Krieg befand. Daher war sowieso unklar, wann Orpheus überhaupt wieder reisen konnte. Doch es war angenehmer, sich vorzustellen, bald wieder unterwegs zu sein, als sich mit den Schrecken des Krieges auseinanderzusetzen. Das würde unweigerlich kommen, doch nicht jetzt, nicht heute. Lieber wollte Orpheus dem Rat seines Freundes Zephyr folgen und ein wenig mehr über seine zukünftige Frau erfahren, jetzt da zwischen ihnen ein kleiner Funken Verbundenheit entstanden war. Doch hier zwischen all den Menschen, welche unaufhörlich herumliefen, war es ihm zu unruhig - zu viele neugierige Blicke und Ohren. Er sehnte sich nach einer ungezwungeneren Umgebung, in der er sich nicht ständig beobachtet fühlte.
Der Prinz räusperte sich verlegen und zupfte an dem Blumengesteck herum, welches vor ihm auf dem Tisch lag. Es fiel ihm nicht leicht, sich Naila zu öffnen und auf sie zuzugehen, aber Zephyr hatte ihm geraten, es zu versuchen, also fasste er sich ein Herz. „Vielleicht möchtet Ihr ein wenig in den Palastgärten spazieren gehen, Prinzessin. Dann könnte ich Euch noch mehr von Kenmara erzählen oder was Euch sonst noch interessiert.“
