29-04-2024, 17:14 - Wörter:
Sein kleiner Körper hing schwach an dem der Frau, die in diesem Moment das Lied harmonisch ausklingen ließ. Die wässrigen, das Sonnenlicht in tiefer Melancholie zurückwerfenden, großen blauen Augen des kleinen Prinzen verharrten in ihrer Position. „Weine nicht“, sagte sie. Weine nicht, wiederholte er in Gedanken und presste die Lippen aufeinander. Nicht weinen. „Es gibt keinen Grund traurig zu sein“, waren die nächsten Worte, die ihren Weg in seine Ohren fanden. Er verstand nicht. Sein Kopf fühlte sich ganz heiß und drückend an, sicher waren seine Wangen ganz rot. Seine Augenbrauen hatten sich zusammengezogen und er spürte, wie sich dadurch Runzeln über seiner Nase auftaten. Seine kleinen Finger wollten sich zu einer Faust ballen. All das nahm er war. Das war doch Wut, keine Trauer? Sein Herz wog ganz schwer und er fühlte nicht mehr, wo seine Beine anfingen oder wie sein Steiß das weiche Kissen der Klavierbank berührte. Und auch das Atmen fiel ihm schwer, als würde ihn etwas erdrücken. Das alles nahm er auch war. Also doch Trauer?
Die sanfte Berührung seiner Tante gab ihm die Möglichkeit, seinen Körper wieder zu spüren. Es beruhigte ihn. Aber er wusste noch immer nicht, was er fühlte. Sein Blick verharrte reglos auf den Tasten des Instruments. Jetzt begann er wahrzunehmen, wie seine Beine zitterten, er vernahm das Gefühl, es ganz eng haben zu wollen und doch auszubrechen. Seine Lungen versuchten trotz der Last schneller zu Atmen, auch sein Herz klopfte schneller. Angst? Und dann, dann war da noch dieses schöne, kribbelnde Gefühl im Bauch. Freude?
Er liebte dieses Lied und noch immer war es ein fester Bestandteil seines Abendrituals und auch in seiner Mittagspause wollte er es regelmäßig hören. Früher, da gab es Phasen, da mussten sie es ihm immer wieder vorsingen, ohne Pause. Zwar hatte das mit den Jahren nachgelassen, dafür hatte er begonnen immer mehr selbst zu singen, wenn er sich gerade allein und unbeobachtet fühlte. Dabei erfüllte es noch immer den selben Zweck: Seine Gedanken ließen von ihm ab und er fühlte sich geborgen. Und Freda war klug genug, ihn das glauben zu lassen und einfach entzückt seiner Stimme zu lauschen, wusste sie, dass Lester es hasste, wenn man ihn zum Singen drängte oder ihm dafür größere Aufmerksamkeit schenkte. Dass er nun mit Aleena gesungen hatte, war etwas anderes. Eine Art Ausnahme, aber viel mehr noch ein gemeinsames Musizieren. Nur der eigenen Freude wegen. Das hatte er gern.
Wieder unterbreitete seine Tante ihm die Feststellung, dass er Traurig war. Er löste sich etwas aus seiner Starre und fuhr mit seinen Fingern durch ihr helles Haar. Seine Lippen hielten den Druck nicht mehr aus und er Schluchzte erneut. Dann, ganz bedächtig, folgte sein Blick den kleinen Händen. Wahrscheinlich hatte sie recht. Trauer. Die Erwachsenen verstanden oft besser was genau er nun fühlte, als er selbst, das wusste er. Wie schafften sie es das so gut zu wissen? Es war doch ein Wirrwarr aus Signalen, die sein Körper ihm senden wollte und so viele Gedanken, die da alle auf einmal gehört werden wollten und ihn regelrecht anschrien. Er drehte seine Hand etwas, so dass sich ihre Haare um diesen Wickelten. Konnten Erwachsene Gedanken hören und die vielen Stimmen voneinander unterscheiden? Wenn dem so war, wieso gab es dann unter ihnen so viel Streit, Zwist, Gewalt und Krieg? Hörten sie nur seine Gedanken? Vielleicht dachten andere nicht so laut und weniger. Ja, andere dachten weniger. „Du denkst zu viel“, hatte sie ihm schon hin und wieder gesagt. Aber denken war wichtig. Sonst blieb die Welt Chaos, wenn man nicht dachte. Oder sahen andere die ganze Unordnung eben gerade nicht, weil sie nicht dachten? Aber wie sollte man aufhören über das Durcheinander nachzudenken, wenn genau dieses der Grund war, weshalb man dachte und es deshalb sehen konnte und wiederum denken musste?
Manchmal konnte man sich fragen, ob Lester überhaupt noch wirklich anwesend war, wenn er wie jetzt ganz still, fast in Trance, war und es eine ganze Weile dauerte, bis er wieder den Mund auftat. Sekunden, die sich wie Minuten anfühlen konnten oder Minuten, die sich wiederum wie Stunden anfühlten. Es gab aber auch Momente, da vergingen viele Minuten, die sich aber nur wie ein Wimpernschlag anfühlten. Jetzt waren es einige Minuten gewesen, bis er wieder etwas von sich gab. Es war ein sanfter Laut, der sogar zufrieden klang und wohl das Zeichen dafür war, dass Lester sich nach den letzten Minuten wieder sortiert hatte und auch ausdrückte, dass er sich herrlich wohl bei seiner Tante fühlte. Denn dieses hohe „hmmm“, tat er früher schon oft, wenn es ihm gerade gut ging. Er umarmte sie einen Moment und rückte dann von ihr ab. „Die 115.000 großen Schritte, die Rose und ich nicht gehen können.“, brachte er trübselig heraus, nachdem er wieder Luft geholt hatte.
Die sanfte Berührung seiner Tante gab ihm die Möglichkeit, seinen Körper wieder zu spüren. Es beruhigte ihn. Aber er wusste noch immer nicht, was er fühlte. Sein Blick verharrte reglos auf den Tasten des Instruments. Jetzt begann er wahrzunehmen, wie seine Beine zitterten, er vernahm das Gefühl, es ganz eng haben zu wollen und doch auszubrechen. Seine Lungen versuchten trotz der Last schneller zu Atmen, auch sein Herz klopfte schneller. Angst? Und dann, dann war da noch dieses schöne, kribbelnde Gefühl im Bauch. Freude?
Er liebte dieses Lied und noch immer war es ein fester Bestandteil seines Abendrituals und auch in seiner Mittagspause wollte er es regelmäßig hören. Früher, da gab es Phasen, da mussten sie es ihm immer wieder vorsingen, ohne Pause. Zwar hatte das mit den Jahren nachgelassen, dafür hatte er begonnen immer mehr selbst zu singen, wenn er sich gerade allein und unbeobachtet fühlte. Dabei erfüllte es noch immer den selben Zweck: Seine Gedanken ließen von ihm ab und er fühlte sich geborgen. Und Freda war klug genug, ihn das glauben zu lassen und einfach entzückt seiner Stimme zu lauschen, wusste sie, dass Lester es hasste, wenn man ihn zum Singen drängte oder ihm dafür größere Aufmerksamkeit schenkte. Dass er nun mit Aleena gesungen hatte, war etwas anderes. Eine Art Ausnahme, aber viel mehr noch ein gemeinsames Musizieren. Nur der eigenen Freude wegen. Das hatte er gern.
Wieder unterbreitete seine Tante ihm die Feststellung, dass er Traurig war. Er löste sich etwas aus seiner Starre und fuhr mit seinen Fingern durch ihr helles Haar. Seine Lippen hielten den Druck nicht mehr aus und er Schluchzte erneut. Dann, ganz bedächtig, folgte sein Blick den kleinen Händen. Wahrscheinlich hatte sie recht. Trauer. Die Erwachsenen verstanden oft besser was genau er nun fühlte, als er selbst, das wusste er. Wie schafften sie es das so gut zu wissen? Es war doch ein Wirrwarr aus Signalen, die sein Körper ihm senden wollte und so viele Gedanken, die da alle auf einmal gehört werden wollten und ihn regelrecht anschrien. Er drehte seine Hand etwas, so dass sich ihre Haare um diesen Wickelten. Konnten Erwachsene Gedanken hören und die vielen Stimmen voneinander unterscheiden? Wenn dem so war, wieso gab es dann unter ihnen so viel Streit, Zwist, Gewalt und Krieg? Hörten sie nur seine Gedanken? Vielleicht dachten andere nicht so laut und weniger. Ja, andere dachten weniger. „Du denkst zu viel“, hatte sie ihm schon hin und wieder gesagt. Aber denken war wichtig. Sonst blieb die Welt Chaos, wenn man nicht dachte. Oder sahen andere die ganze Unordnung eben gerade nicht, weil sie nicht dachten? Aber wie sollte man aufhören über das Durcheinander nachzudenken, wenn genau dieses der Grund war, weshalb man dachte und es deshalb sehen konnte und wiederum denken musste?
Manchmal konnte man sich fragen, ob Lester überhaupt noch wirklich anwesend war, wenn er wie jetzt ganz still, fast in Trance, war und es eine ganze Weile dauerte, bis er wieder den Mund auftat. Sekunden, die sich wie Minuten anfühlen konnten oder Minuten, die sich wiederum wie Stunden anfühlten. Es gab aber auch Momente, da vergingen viele Minuten, die sich aber nur wie ein Wimpernschlag anfühlten. Jetzt waren es einige Minuten gewesen, bis er wieder etwas von sich gab. Es war ein sanfter Laut, der sogar zufrieden klang und wohl das Zeichen dafür war, dass Lester sich nach den letzten Minuten wieder sortiert hatte und auch ausdrückte, dass er sich herrlich wohl bei seiner Tante fühlte. Denn dieses hohe „hmmm“, tat er früher schon oft, wenn es ihm gerade gut ging. Er umarmte sie einen Moment und rückte dann von ihr ab. „Die 115.000 großen Schritte, die Rose und ich nicht gehen können.“, brachte er trübselig heraus, nachdem er wieder Luft geholt hatte.
