30-04-2024, 17:04 - Wörter:

Einen Moment starrte er den Jungen nur an, der Junge, der genauso wie er selbst mal eine Krone tragen würde und doch aus so einem anderen, so viel weicheren Holz geschnitzt zu sein schien, dass Leif noch Probleme hatte, ihn sich ausgewachsen vorzustellen. Aber was musste Lester auch jetzt schon Größe zeigen – er war ein zehnjähriger Junge, der besser noch lange genau das blieb, ein Junge, bevor sein Vater ihm den Titel (und den Stock im Arsch) aufbürden würde. Dennoch sollte er in Leifs Augen zumindest den Mumm aufbringen, ihn von sich aus zu fragen, wenn er etwas von ihm wollte, weshalb er schließlich mit den Schulter zuckte – „Dann halt nicht“ - und sich wieder Edgar zuwenden wollte. Dass er damit eine kleine Taktik verfolgte, musste Lester ja nicht wissen.
Irgendwie schien sowieso jeder daran interessiert zu sein, dass Lester sich traute, und nachdem sowohl Freda, als auch Edgar auf den Jungen eingeredet hatten, kam endlich die Frage, oder Bitte, die Leif hören wollte. „Mhm“, brummte er nur, aber hinter seinem Bart versteckte sich ein breites Lächeln. War das denn so schwer? Ältere, halbfremde Menschen waren respekteinflößend, schon klar, aber sie taten alle ihr Bestes, damit der Kronprinz sich hier wohlfühlte. Sogar Leif hielt sich zurück, nahm mit seiner Größe nicht sofort den Raum ein und versuchte, seine Kanten zu schleifen und seinem Neffen nicht zu schroff zu begegnen. Er war einfach gestrickt und wenn man ihn ehrlich fragte, dann würde er auch ehrlich antworten. Man musste nur diese eine Hürde überwinden: Fragen. „Gern. Aber-“ Leif drückte sich aus den weichen Polstern in die Höhe und rollte seine Fußknöchel, die beim Sitzen wenig Blutzufuhr erhalten hatten. „Nur wenn du mir beim Tragen hilfst.“ Halb eine Bitte, halb eine Aufforderung, definitiv eine Herausforderung rückte er in langen Schritten zu Lester auf und ließ es sich nicht entgehen, beim Vorbeigehen noch einmal Edgars Haarschopf durchzuwuscheln. „Wir sehen uns zum Tee, Freda.“ Damit deutete er seinem Neffen auch schon, den Weg anzudeuten.
Die eigentliche Kunst war es nicht, den kleinen Kronprinzen zu überholen, sondern sich an sein Schritttempo anzupassen. Für Leif, der es gewohnt war, ohne Schnörkeleien von A nach B zu kommen, fühlte es sich wie Spazieren gehen an, während er neben Lester herlief. Zugegeben, im Schloss seiner angeheirateten Familie konnte man besser spazieren gehen als in der Burg seiner eigenen Familie, wo die Dekoration sich auf gewaltige Geweihe, Felle, Tierköpfe, Waffen und wuchtige Ahnengemälde beschränkte. Ah, Leif vermisste seine Familie. Sie war einer der vielen Gründe, warum es ihn wieder zurück in seine Heimat zog, wo er hier als Hüne in einem Puppenschloss doch so fehl am Platz wirkte. Im Gegensatz dazu schien der kleine Prinz mittlerweile zum Inventar dieses Schlosses zu gehören, so sicher und zielstrebig, wie er sich in dessen Mauern bewegte. A propos sicher und zielstrebig. „Sag mal, Lester, wenn wir schon zu zweit sind. Wie steht es um deine Ausbildung mit Schwert und Bogen?“ Na bitte, wieder ganz im Leif-Territorium, sah man ihm die Begeisterung und Neugierde doch bereits in seinen blauen Augen an. „Hast du Fortschritte gemacht?“
