01-05-2024, 15:52 - Wörter:

Naila war eine begnadete Weberin, wenn es darum ging, das Gespräch in die ihr gewollte Richtung zu spinnen und zu lenken. Aber heute war keiner der Tage, wo sie sich verstellen und gefallen wollte; dieses Spiel hatte sie in naher Zukunft noch oft genug zu gewinnen. Es war Ilyas, mit dem sie sprach, Ilyas, dem sie vertraute, Ilyas, der Informationen hatte, die ihren Kopf besser zur Ruhe bringen konnten als jeder Gedanke an die auf sie wartenden, aufregenden Vorbereitungen in King’s Portal. Heute machte sie sich auch nicht die Mühe, eine Maske zu tragen, wenn sie doch wollte, dass er sah, womit sich ihr Kopf unter dem Tuch beschäftigte. Es war immerhin ein Versuch wert, sich nach den Männern zu erkundigen, die wie sie den Weg in die castandorische Hauptstadt antraten, um welchen Prüfungen auch immer unterzogen zu werden. Naila hätte nicht erwarten sollen, dass man sie einmal in ihrem Leben nicht mit Samthandschuhen anfasste, nur weil es Ilyas war, mit dem sie redete. Genau genommen tat er das auch nicht, aber warum hatte sie dann das Gefühl, dass er sorgfältig seine Worte aussuchte, um sie ja nicht zu viel hinter die Kulissen blicken zu lassen? Das Lächeln steckte immer noch in ihren Mundwinkeln fest, als sie den Kopf neigte und ihn sanft schüttelte. „Das meinte ich nicht.“ Mit sanften Worten versuchte sie es noch einmal, ihr Blick auf das splitternde Holz vor ihr gebrannt. „Was passiert mit ihnen Vorort? Werden sie verpflegt? Wo kommen sie unter? Gibt es Heilerinnen, die sich um die Kranken und Verletzten kümmern?“ Wie viele genau hatte ihr Vater in den Krieg geschickt, und wen hatte er verschont? Auf beiden Reisen hatte man Naila nicht vollständig von dem Nachwirken der Flutwelle und des Erbebens abschirmen können. Sie hatte die Trümmer durch ihre Sänfte gesehen, von Schrecken gezeichnete Gesichter und herausspringende Augen aus leeren Höhlen, kontrastreich zu dem Prunk, in dem sie sich bewegte. Zum ersten Mal hatte sie wirklich gesehen und es hatte sie seitdem nicht mehr losgelassen – auch, wenn die Palastmauern immer noch wussten, wie sie den Traum von Reichtum und Frieden aufrechterhalten mussten, um den Insassen das Gefühl zu geben, sich in einem Traum zu bewegen. „Ilyas.“ Nailas Stimme hatte nichts von ihrer Sanftheit verloren, doch stupste sie ihn an mit seinem Namen, noch ehe sie ihr Braun auf ihn richtete. „Ich möchte unserem Volk helfen, aber ich weiß nicht wie.“ Ihr Braun war durchtränkt von der Sonne und von der Bitte, die sie stumm an ihn richtete. Hier auf dem Schiff, wo sie spürte, wie sie sich von Minute zu Minute von ihrer Familie entfernte, hier stand sie auf eigenen Beinen und versuchte, den ihr Nahestehenden darauf aufmerksam zu machen, dass sie stehen konnte. Dass sie einen eigenen Kopf, der sich nicht darum drehte, wie ihre Zukunft sich gestalten würde, sondern die ihres Volkes. Die ihrer Familie. Naila wollte helfen – man musste sie nur lassen.
