03-05-2024, 15:54 - Wörter:

Da kam aber schon die Antwort, die er sich erhofft hatte. „Fünf Trauben und ich verrat‘s dir“. Seltsamer Titel. Kurz blickte er ihn skeptisch an, griff dann aber doch nach einem der sorgfältig einsortierten Schreibgeräte und wollte gerade den ungewöhnlichen Titel zu Papier bringen. Dann aber, kurz bevor er die Miene aufsetzen konnte, zuckte er nochmals zusammen und musste vor Schreck doch wieder aufsehen.
Zwar hatte der Leibwächter keinen Herzinfarkt bekommen, aber seine Hand war mit festem Griff an die Schulter des Fremden gesprungen, als sich dieser dem Kind noch weiter zu nähern versuchte und hatte ihn so nach hinten unten gedrückt, dass Ronan nun nicht nur hockte, sondern auf dem Hosenboden saß. Da hatte es auch nicht geholfen, unschuldig zu tun. Zu nah war zu nah. Der Blick des Kronprinzen entspannte sich darauf auch wieder. Zwar wirkte der Mann auch im Sitzen noch bedrohlich, doch war er wenigstens nicht mehr so riesig wie im Stehen.
Fünf Trauben und ich verrat‘s dir, ging dem Prinzen noch einmal durch den Kopf. Dabei verharrten seine Arme, von denen einer am Ende in seiner zarten Hand den Stift umklammerte und nicht wie die andere einfach nur eine Faust bildete, noch immer angewinkelt neben seinem Körper, also in der Haltung, in dem ihn der Reflex brachte, als Lester sich erschrocken hatte. Sein Blick fiel nun auf die aufgehaltene Hand seines Gegenübers.
Fünf Trauben und ich verrat‘s dir. Das war nicht der Titel des Liedes. Es war eine Forderung. Wieder musste er nachdenken. Wer war dieser Mann, der gerade für das Nennen eines Liedtitels bezahlt werden wollte? Das erinnerte ihn an eine Geschichte, in der ein Gauner etwas ähnliches Tat, nur dass dieser nach dem Namen einer Person gefragt wurde und dafür Geld verlangte. Irgendwie erinnerte ihn das aber auch an Edgar, der mal mit anderen Kindern Händler gespielt und dabei für seine Waren auch andere Gegenstände verlangt hatte. Dann tatsächlich sogar Geld. Aber ohne den Münzen ihren richtigen Wert zu geben. Schnell hatte Lester seinem Cousin erklärt, dass ein Händler keine Gegenstände tauschte und wie viel die einzelnen Münzen wert waren. Ein Glück, dass der Kleine das verstanden hatte und sich jetzt nur noch mit dem Rechnen schwertat. War der Mann also ein Gauner oder verstand dieser von Handel einfach nur genauso viel wie ein kleines Kind, das nicht Lester Stafford hieß? Zu viele Gedanken. Möge er seine Trauben bekommen, den Titel nennen und dann endlich verschwinden.
Nachdem seine Arme die durchaus entzückende Schockhaltung wieder verlassen hatten, sah der Kronprinz zu einem weiteren Leibwächter, der daraufhin an ihn herantrat, hatte dieser etwas schneller verstanden, dass es sich bei „Fünf Trauben und ich verrat‘s dir“ um eine Forderung handelte. Er ging vor dem Jungen in die Hocke und hielt sein Hand auf und Lester legte ein paar Weintrauben hinein. Natürlich erst, nachdem der Stift wieder Platz in seinem Etui gefunden hatte.
Der Wachmann trat darauf an den bärtigen Fremden heran und legte die Trauben vor diesem ab. Es waren vier Trauben. Eine weniger als gefordert. Dem abwartenden Blick des Kindes konnte man jedoch entnehmen, dass dies seine Richtigkeit besaß. Und betrachtete man noch einmal das ganze Werkzeug, dass es so akribisch geordnet um sich geschert hatte, konnte man auch nur schwer glauben, dass es sich eventuell verzählt haben könnte.
Es war noch immer der 1. August. Der Tag, an dem man Verträge schloss. Dieser Mann wollte ein Vertrag schließen, also war Lester darauf eingegangen. Aber ein guter Händler zahlte niemals den ersten Preis.
