03-05-2024, 17:18 - Wörter:

Mit einem Ausdruck von Verwirrung blickte Lester den Mann an, der gerade seine Bitte annahm aber dabei auch eine Forderung stellte. Er hatte doch eindeutig von „helfen“ und nicht von „für mich machen“ gesprochen. Oder etwa nicht? Kurz sah er zu Freda, die ihm nur weiter über seinen Rücken streichelte. „Ihr seid auch nicht mein Diener, eure Majestät.“, entgegnete Lester entschuldigend, als er sich Leif wieder zuwandte. Er wollte es sich nicht mit Leif verscherzen, denn irgendwann würde er mit diesem Mann zusammenarbeiten müssen, da durfte er sich nun keinen Affront erlauben. Und auch wenn Leif sich scheinbar nicht schlecht behandelt fühlte, wollte Lester es dennoch klarstellen.
„Viel Spaß euch beiden.“, bestätigte Freda kurzerhand an Leif gewandt, bevor sie auch Lester versuchte zum Aufstehen zu bewegen. Doch von ihrem Sohn bekam sie nur einen erschrockenen Blick. Sollte er allein gehen? Er war fest davon ausgegangen, dass sie mitkommen würde. Das nächste Mal würde er sowas vorher mit ihr noch genauer absprechen. Wobei der Teil, der abgesprochen war, auch anders abgelaufen war. Freda lächelte nur. „Du schaffst das, mein Schatz. Es ist ja nicht so, dass Leif dich mit nach Norsteading nimmt, ihr seid nur ein paar Etagen tiefer.“, ermutigte sie ihr Kind und drückte diesem einen Kuss auf die Stirn. „mit nach Norsteading“ Wie kam sie jetzt darauf? Warum hatte sie das so gesagt? Wieder lächelte Freda wissend, nachdem sie das besorgte Gesicht ihres kleinen Prinzen gesehen hatte. „Leif hat es doch selbst gesagt. Zum Tee seid ihr zurück.“, beschwichtigte sie erneut, „Na komm. Ich bin die ganze Zeit hier.“
Tee? Stimmt, er hatte Tee gesagt und nicht etwa Met oder Schnaps. Das klang überhaupt nicht barbarisch. Ganz im Gegenteil. Täuschte er sich doch in seinem Onkel? Egal, er wollte seine Mama nicht enttäuschen. Bedächtig schob der kleingewachsene Zehnjährige sich also von dem Sofa, in dem er so gut versinken konnte und musste nun stehend den Kopf nun noch weiter in den Nacken nehmen, damit er Leif ins Gesicht sehen konnte. Er war riesig. Er war breit. Dann sah er zu Edgar und anschließend an sich herab. Das Gegenteil. Jetzt wo die beiden Jungen nebeneinander standen war sogar zu erkennen, dass der Fünfjährige nicht nur recht groß, sondern Lester auch noch sehr klein war, wo die beiden keine 10 Zentimeter an länge trennten. Das gab dem Zehnjährigen einen weiteren Grund, weshalb er es gar nicht mal schlecht fand, klein zu sein. Seine These nach müsste er so definitiv noch als Schützenswert für einen Barbaren gelten. Gute Sache. Hoffentlich, denn Leif erwies sich zunehmend als atypischer Barbar.
Lester ging in normaler Geschwindigkeit, auch wenn er hin und wieder mal zögerte, um jede kleine Regung seines Onkels mitzubekommen. Auch so waren Lesters Beine nun mal noch so kurz, dass man sich ganz schön anpassen musste. Ein wenig fühlte der kleine Prinz sich dann sogar wohl, als er den großen Prinzen durch das Schloss führte, von dem er versuchte jeden Zentimeter auf Papier zu bringen, wenn man ihn nicht zu irgendwelchen Treffen zwang. Ob Leif auch Karten mochte? Das wäre auch nicht barbarisch.
Gerade als er sich seine Frage überlegt hatte und zu Leif aufsehen wollte, kam dieser ihm jedoch mit etwas zuvor, dass diesem wieder Extrapunkte auf Lesters imaginärer Barabarenskala verschaffte. Der jüngere Kronprinz überlegte und auch wenn seine Augen genauso blau waren wie die des Älteren, war er so gar nicht begeistert über diese Frage. Was sollte er darauf antworten? Er fand das Ringen und Fechten einfach blöd. Bezüglich des Bogenschießens war er zumindest froh, mit seinem Kinderbogen einigermaßen zu treffen. Insgesamt? Sehr ausbaufähig.
„Alden sagt, ich mache mich ganz gut und ist zufrieden.“, hatte er sich selbstverständlich für die Wahrheit entschieden, die er aber nur gekürzt und recht gleichgültig hervorbrachte.
„Mögt ihr Karten, eure Majestät?“, nutze er dann gleich seine Redezeit, um eine Frage zu stellen, die für ihn von weitaus größerer Relevanz zu sein schien.
