08-05-2024, 23:36 - Wörter:

Wie der Kronprinz genoss auch Alden die Ausritte zum See, denn er spürte, dass Lester dort zur Ruhe kam und aufnahmefähiger für gewisse Dinge wurde, wie etwa Übungen mit dem Holzschwert oder Bogen, die ihn in der gewohnten Umgebung rund um den Palast, wo viele Augen zusahen, eher unter Druck setzten. Die gleichmäßige Bewegung des Pferdes tat ihm gut und schenkte ihm die benötigte Geborgenheit.
Natürlich hatte der Ritter den Ausflug zuvor mit der Königin abgesprochen, die sogleich dafür sorgte, dass die Satteltaschen mit Speisen, Getränken, Decken, Wechselkleidung - mehrere Lagen, welche Alden gleich wieder auspackte, und eine Garnitur drin behielt - und weiteren Utensilien gefüllt wurden. Er musste versprechen, am Nachmittag zurückzukehren, dafür zu sorgen, dass Lester genug zu essen bekam und nicht zu stark der Sonne ausgesetzt wurde. Ein Hut wanderte ebenfalls in die Satteltasche, und Alden band ein Holzbrett darauf, das er in den letzten Tagen vorbereitet hatte, damit es als Schwimmbrett dienen konnte. Vielleicht würde sich der Kronprinz eher ins Wasser trauen, wenn Alden es spielerisch gestaltete. Außerdem befestigte er einen kleinen Ball an seinem Sattel, der aus einer aufgeblasenen Schweineblase bestand, welche mit Lederstreifen umwickelt war.
So ausgestattet verließen die beiden schließlich nach dem Frühstück des Kronprinzen den königlichen Hof auf ihren Pferden und ritten gemütlich über die Felder und Wiesen in den Wald. Alden stimmte ein kleines Liedchen an, summte vor sich hin und genoss die Sonne. Heute sollte es recht heiß werden, daher hatte der Ritter beschlossen, zum See zu reiten und eine Schwimmlektion zu versuchen. Auch im Sommer war das Wasser im Waldsee recht kühl, sodass es einen heißen Tag brauchte, um es als angenehm zu empfinden.
Schließlich erreichten sie den See, der idyllisch auf einer Lichtung lag und einen herrlichen Ort zum Entspannen und Schwimmen bot. Alden stieg von seinem Pferd, band es an einen Baum, Artus daneben, und hob den Kronprinzen aus dem Sattel. Dieser umarmte den Ritter beim Herunterheben, was Alden lächeln ließ, bevor er ihn auf den Boden setzte. Er zog die Tasche mit den Karten aus der Satteltasche und reichte sie dem Prinzen, da er wusste, dass Lester gerne damit am See beschäftigt war. Dass er noch etwas anderes geplant hatte, verriet Alden ihm bisher nicht, denn er wartete auf den richtigen Zeitpunkt. Wäre er gleich mit der Tür ins Haus gefallen, hätte er wohl mit Ablehnung rechnen müssen, denn er wusste, dass Lester sich vor tiefem Wasser fürchtete. Und die Königin hätte es ihm sicherlich verboten, wenn sie davon erfahren hätte.
Alden zog eine der Decken aus der Satteltasche, ging ein paar Schritte auf die Wiese und breitete sie auf dem Gras aus. In der Zwischenzeit hatte sich Lester auf einem der Findlinge niedergelassen und war bereits mit seinen Karten beschäftigt. Der Ritter beschloss, ihn vorerst in Ruhe zu lassen, denn es war wichtig, dass der Junge sich wohl und sicher fühlte. Bekannte Abläufe gehörten dazu. Alles andere konnte warten und würde sich ergeben, wenn Alden das Gefühl hatte, Lester sei dafür offen.
Er ließ sich auf einem kleineren Stein nieder, zog die Stiefel aus und genoss das Gras unter seinen nackten Füßen. Er ließ den Blick über den See schweifen, auf dem die Sonne glitzerte, und fühlte sich wie in einem kleinen Paradies. Hier konnte man verweilen und die Seele baumeln lassen. Er blickte hinüber zu seinem Schützling, der völlig in seine Karten versunken war und etwas darauf zeichnete. Er lächelte, als er den Jungen beobachtete, und wurde sich einmal mehr bewusst, wie besonders er war. Es war nicht immer einfach für Menschen, jemanden zu verstehen, der nicht den üblichen Normen entsprach, wie beispielsweise ein Knabe, der kein Draufgänger war und sich nicht gerne prügelte. Oft stieß man auf Unverständnis oder sogar Ablehnung. Lester hatte natürlich als Kronprinz das Privileg, dass sich viel nach ihm richtete und die Welt sich um ihn herum anpasste. Doch was wäre gewesen, wenn er in einer anderen Umgebung hätte aufwachsen müssen? Das fragte Alden sich manchmal und war dann doch froh, dass der Junge das Glück hatte, so behütet aufwachsen zu dürfen.
Nach einer Weile entschied Alden, ins Wasser zu gehen. Er entledigte sich seiner restlichen Kleidung bis auf seine Bruche und stieg in den See, der am Ufer so seicht war, dass selbst ein kleiner Mensch dort stehen konnte, ohne unterzugehen. Das Wasser war angenehm kühl und reichte ihm bis an die Wade. Der Ritter hob den Kopf und blickte hinüber zu seinem Schützling auf dem Findling. „Schau mal, hier gibt es lauter kleine, lustige Fische. Wenn du deine Studien unterbrechen kannst, würde ich mich über etwas Gesellschaft freuen, Eure Majestät.“
