11-05-2024, 10:15 - Wörter:
An Ember in the Ashes
A light that never goes out

Ein Vogel landete auf der Dachkante und legte seine Flügel an. Ein paar Meter weiter, durch das offene Dach hindurch, riefen sich zwei Kinder zu und rannten mit ihren Sandalen die mittlerweile fast vollständig aufgeräumte Gasse hinunter, die an den Haupteingang von Rabias Haus grenzte. In unmittelbarer Nähe erreichte ihn kein Geräusch, was darauf schließen ließ, dass seine Schülerin begonnen hatte. Kein Geruch, der sie verriet, kein Atmen, nur die Präsenz, die irgendwo in Devans Umkreis lauerte und seine Nackenhaare alarmiert aufstellte. Als er sich heute dazu entschieden hatte, das Training mit einer Augenbinde zu erschweren, hatte er selbstverständlich nicht erwartet, nur Latifa durch dieses Training laufen zu lassen, denn schon längst waren sie über den Punkt hinaus, wo nur er sie trainierte und ihre Fehlhaltungen mit einem Stockschlag korrigierte. Genauso, wie ihre Fähigkeiten wuchsen, stagnierten seine eigenen Fähigkeiten, wenn er sich nicht genau auf die gleiche Weise herausforderte. Meister und Schülerin bedeutete nichts, wenn er die Leinenbinde um seine Augen festigte und Latifas aufmerksames, geschultes Gesicht das Letzte war, was er sich erlaubte zu sehen.
Erst hatte Devan die Haushälfte repariert, in die das halbe Dach gestürzt war, während Rabia sich um die Spuren der Flut im unteren Geschoss gekümmert hatte. Dann hatte er selbiges mit den Nachbarhäusern getan. Die Gebäude standen wieder, oft durch Kinder- und Frauenhände repariert, und Devans eigene Hände wiesen Schlieren, Blasen und Hornhaut auf den Fingerkuppen an, aber er beschwerte sich nicht. Ruhig hob er die Hände vor seiner Brust in einer verteidigenden Ausgangsstellung, während er sich auf seine Sinne und seine jahrelang antrainierte, geschliffene Intuition verließ. Aber etwas fühlte sich nicht richtig an, als wäre seine Welt nicht in dem Gleichgewicht, das er kannte. Nur Latifa um sich zu haben, war beruhigend, aber es fehlte etwas. Ein anderer Atem fehlte. Eine Präsenz fehlte im unmittelbaren Umfeld und Devan konnte nicht umhin, sein eigenes Ungleichgewicht zu registrieren. Nur weil er äußerlich die Ruhe bewahrte, hieß das nicht, dass er innerlich nicht mit sich zu kämpfen hatte und es machte ihn vorsichtig, aber auch neugierig, warum er so fühlte. Es war genug Ablenkung, um den Schlag aus seinem toten Winkel kaum kommen zu hören.
Dennoch bewegte sich Devan so geschmeidig wie die Katze, die auf der Fensterbank saß und den beiden Kämpfenden mit wackelndem Schwanz zusah. Auf den Luftzug in seinem Nacken reagierend, passte er sich der Richtung des Schlags an und wich ihm minimal in Stromlinie aus, wobei er nicht einmal sein Gewicht verlagern musste. Der Tanz ging so weiter und fühlte sich natürlicher an, jetzt, wo Latifa seine volle Aufmerksamkeit hatte. Im richtigen Moment blockte er ihren Angriff mit gekreuzten Handgelenken und horchte auf das Scharren, wenn sie ihre Füße über den sandigen Stein schob. In der Hitze der untergehenden Sonne bildeten sich Schweißperlen auf den nackten Oberarmen und unter der Schärpe, das sein ärmelloses Hemd an der Taille zusammenhielt, doch sein Gesicht verriet keine Anstrengung, keine Überraschung, nur ungefilterte Aufmerksamkeit und Fokus. Es mochte vielleicht aussehen wie sein Training, und doch ging es dabei nicht um ihn. Überhaupt ging es nie um ihn. Während Ilyas im Zimmer von Rabia saß und heilte, war es an Latifa, einen Weg zu finden, wie sie dieses Training um sich gehen lassen konnte. Devan gab ihr keinen Schubs in eine Richtung, wenn es bedeutete, dass sie selbst kreativ werden musste, um ihren blinden Meister aus dem Gleichgewicht zu bringen.
