18-05-2024, 16:54 - Wörter:

Zu dieser Uhrzeit verfiel der Kronprinz hin und wieder noch in leichte Tagträumerei, wenn die Situation es gerade zuließ. Das sanfte Schaukeln auf dem Pferderücken trug dann dazu bei, dass sein Blick irgendwo in der Landschaft hängen blieb und er in sich versunken einfach daher schaute. Dabei war das es ganz lustig anzusehen, wie irgendwann nicht mehr Lester derjenige war, der vorgab, wo es lang ging, sondern allmählich als Passagier des großen Tieres endete. Dementsprechend verträumt war auch Lesters Gesichtsausdruck, als er feststellte, dass Alden ihm etwas sagen wollte.
Gestern Abend beim Schlafengehen hatte Freda ihrem kleinen Prinzen noch einmal erzählt, wie stolz sie auf ihn doch war und wie großartig sie es fand, was für ein prächtiger Reiter er doch sei und dass sie es immer sehr freut, wie artig er sich bei Alden verhielt. Und sie hatte auch gesagt, wie sehr ihr es gefiel, dass er lieber langsam unterwegs war, weil sie sich nur Sorgen machen würde, würde er wie die anderen am liebsten immer galoppieren, wo das doch so gefährlich war und einem so viel passieren konnte, wenn man vom Pferd fiel – oder Schlimmeres. Lester hatte das natürlich ganz stolz gemacht, dass er sich so gut schlug und Alden mit ihm zufrieden war, wo Lester doch auch manchmal aus der Haut fahren konnte, wenn er mit Alden unterwegs war. Letzen Endes liebte er seinen Ausbilder aber auch gerade deshalb, weil er genauso wie bei seinen Eltern sagen durfte, wenn ihm etwas nicht passte, auch wenn er sich – im schlimmsten Falle nach lautstarkem Protest – dann oft doch fügen musste.
Eine ähnliche Diskussion wäre wohl auch in diesem Moment entstanden, als Alden ihm zunächst eine Frage stellte, die eigentliche keine Frage war, da er gar nicht erst auf eine Antwort gewartet hatte, sondern einfach losgeritten war. Das gefiel Lester nicht, aber es gab gerade noch etwas, dass ihm viel mehr aus dem Konzept brachte. Er hatte seiner Mama gestern Abend gesagt, er würde auch nicht galoppieren, als sie von ihrer Sorge erzählt hatte. Und nun wünschte sich Alden, dass Lester genau das tat, was er doch gestern Abend seiner Mama fast versprochen hatte, nicht zu tun. Jetzt fürchtete er Alden zu enttäuschen, wenn er sich wieder nicht traute. Anderenfalls wäre seine Mama überhaupt nicht begeistert. Und was wäre, wenn sie dann mit Alden schimpfen würde?
Hin und her gerissen beobachtete er nur, wie Alden sich langsam entfernte, wobei er dafür gerade gar kein richtiges Empfinden hatte, musste er doch erst eine Entscheidung treffen. Doch spätestens, als er dann seltsame Geräusche vernahm, riss es ihn aus seinen Überlegungen und gerade, als er erschrocken über den lauten Pfiff zusammenfuhr, setzte sich Artus auch schon von allein in Bewegung. Das Pferde hatte sofort gespürt, wie unruhig sein Reiter wurde und tat das einzig logische. Zu seiner Herde aufschließen. Am Ende war es auch die Intuition und die Erfahrung des Jungen, die ihn die Führung über das Tier zurückerlangen lies und es darin bestärkte, dass der lockere Trab in Richtung der anderen die richtige Entscheidung gewesen war.
Er hatte es noch nicht geschafft, sich die richtigen Worte für sein Problem herauszusuchen, da erblickte er auch schon die Ursache der Aufregung. Ganz allein kam der braune Hengst neben der Szenerie zum Stehen, hatte dieser schon wieder die Kontrolle übernommen und den Prinzen zum Passagier erklärt. Letzterer wurde nämlich ganz blass und erstarrte förmlich bei dem Anblick, der sich ihm nun bot. Alden hatte sie doch nicht etwa…? Der Brustkorb des Kindes begann sich unregelmäßig zu heben und zu senken und mit vor Schreck geweiteten Augen folgte er still dem Geschehen.
Erst nach einer ganzen Weile begann der noch immer verschüchterte Junge sich wieder zu regen. Lester schien einen Weg zu suchen, wie er von Artus herabkam, hatte Freda doch mit der Größe des Tieres zumindest in der Hinsicht recht, dass ihr Sohn noch einige Zeit lang stets jemanden brauchen würde, der ihn herauf und wieder herunterhob. „Alden?“, fragte er einen Moment später im Ton eines besorgten Quengelns. Er hatte noch immer nicht ganz realisiert, was hier passiert war und was sein Ausbilder gerade mit dieser Frau tat.
