19-05-2024, 17:36 - Wörter:

Doch log Ilyas nicht. Er hatte recht mit seinen Worten, die sich fast schmerzvoll in Nailas Kopf bohrten und Erinnerungen bekämpften, welche sie in jungen Jahren von ihrem Vater gesammelt hatte. Gerne hätte sie behauptet, dass der König sein Bestes tat, um seinem Volk zu helfen, denn das hatte er schon immer getan, oder nicht? Er war immer die große Figur gewesen, die der Last eines ganzen Königreiches auf seinen Schultern nicht gewachsen war. Aber sein Blick war schon immer freundlich und gütig gewesen. Seine Gesten schon immer warm und fürsorglich. Wann hatte er angefangen, sich zurückzuziehen, oder war Naila einfach blind genug gewesen, um die Anzeichen nicht sehen zu wollen?
So wenig Vorstellung sie auch von Finanzen und Buchhaltung haben mochte, war es in ihren Augen nicht richtig, nur das zu entsenden, was ihr Vater bereit war zu geben, denn sie wusste, dass sich das nur auf ein Minimum beschränkte. Den Worten und der Intonation hinter diesen Worten nach zu urteilen sah Ilyas das genauso. Dafür musste sie nicht einmal seinen Blick auffangen, von dem sie wusste, dass er ihn auf sie richtete. Sie musste nur nicken, um zu symbolisieren, dass sie verstand. „Ich kann nicht versprechen, dass ich meinen Vater dazu bewegen kann, Mittel und Hilfe zu entsenden. Aber vielleicht stößt meine Bitte auf wachsame Ohren.“ Nicht auf seine wachsamen Ohren; Ilyas und Naila wussten beide, an wen sie sich wenden musste, um effiziente Hilfe zu erhalten. Was außen als Schein bewahrt wurde, war innerhalb des Beraterstabes und der Familie ein offenes Geheimnis. Yasirah war ihre einzige konsistente Hoffnung, die Situation zu Gunsten des Volkes drehen zu können.
Den Blick in die Ferne gerichtet, übten Nailas Finger leichten Druck auf die spröde Reling aus, bis sie spürte, wie ein Splitter sich langsam in ihre Fingerkuppen grub. „Wenn wir in der Hauptstadt sind, möchte ich den Zustand mit eigenen Augen sehen. Ich kann mir nicht immer nur berichten lassen, wie die Umstände sind. Ich muss es sehen“, führte sie ihre Gedankengänge aus. Man merkte Naila an, dass sie sich in etwas verbiss, was ihr selbst fremd war. Aber sie konnte nicht immer hinter Vorhängen und geschlossenen Türen ihre Vorstellungskraft spielen lassen, wenn sie wirklich helfen wollte. Das hier, die Sorge um ihr Volk, gehörte zu der Verantwortung einer Prinzessin dazu; und wenn sie schon der Grund war, warum abertausende von Sommerländern ihr Heimatland verlassen mussten, dann würde sie diese Verantwortung auch wahrnehmen. War es nicht sie, die in eine andere Familie gereicht wurde, um das Bündnis zwischen den Ländern überhaupt erst geltend zu machen? Auch wenn es so schien, als würde sie ihrer Familie damit die nötige Unterstützung sichern, war es das wert, um gegenüber all der sommerländischen Leben aufzuwiegen, die nun auf dem Spiel standen, weil man dem Ruf des Verbündeten Folge leisten musste? „Meinst du, es geht ihnen in Castandor besser?“ Vielleicht war es ein Versuch, die Entsendung und Trennung von Familien zu begründen; vielleicht war es auch genau das, was ihr Vater sich schon seit Jahren einredete. Es war besser, wenn das Volk dessen König unnahbar, nicht krank wahrnahm, besser, wenn man sie in ein Land schickte, das mehr Ressourcen und bessere Lebensbedingungen hatte als ihr eigenes. Aber war es die richtige Entscheidung, die Hälfte des Volkes auszusenden, statt an den Lebensumständen im eigenen Land zu arbeiten? Wenn Naila auf all diese Fragen Antworten hätte, würde sie jetzt nicht hier an Deck stehen und versuchen, durch den Wind und die salzige Luft Klarheit im Kopf zu gewinnen. Ilyas war ihr vertraut genug, dass er wusste, wenn sie sich an ihren eigenen Gedanken verschluckte und in Schweigen fiel, weil sie schlicht und ergreifend zu viele Fragen hatte, die sich einfach nicht beantworten ließen.
