03-06-2024, 05:50 - Wörter:

Überhaupt schien er sich nicht daran zu stören, dass Aurelia so aufgebracht in sein Heim stürmte. Im Gegenteil, er amüsierte sich an ihrem Leid, das sich in diesem Moment nur an der einen Ader äußerte, die deutlich auf ihrer Schläfe hervortrat. Dieser Scheißkerl. Sie hätte gar nicht erst herkommen sollen. „Aurelia!“, warf sie ihm gegen den Kopf und dieses Mal starrte sie ihn wirklich mit Dolchen nieder. Leider konnte er sich das erlauben. Als selbsternannter König konnte er sich überhaupt alles erlauben, und sie spielte ihm auch noch in die Karten und fraß das Geld aus seiner Hand wie ein sommerländischer Bettler, angewiesen auf sein Lob wie ein Hund, müde seiner Stimme wie ein altes Eheweib. Jetzt drehte er die Situation auch noch so, dass sie ihn nicht mehr niederstarrte, sondern anstarrte, als wäre gerade ein Stein auf ihren Kopf gefallen und hätte ihr Gehirn beim Denken unterbrochen. „Du wolltest…“ Sie brachte den Satz nicht zu Ende, weil es ihr auf einmal kalt den Rücken hinunterlief. „Ich sollte ihn umbringen??“
Bei Heofader, Verdammte. Aurelia schlug ihre Hände hinter dem Kopf zusammen und drehte sich von ihrem Gesprächspartner weg, die Augen unruhig durch die Küche wandernd. „Du kannst-… Maeve hat nie gesagt, dass ich die ganze Phiole benutzen soll. Wie kannst du erwarten, dass ich jemanden umbringe in der Taverne meines Vaters. Ich bin keine Mörderin!“ Natürlich hatte sie Angst. Aurelia hatte viel von Ronan gehört und von dem, was er in der Lage war, zu tun, wenn man ihn wütend machte oder Schulden nicht ausglich. Könige wie er waren unberechenbar und sie selbst war ersetzbar, wenn sie nicht das tat, was er von ihr erwartete. Mehr noch als die Angst vor ihm war die Angst, was passiert wäre, wenn sie aus Unwissenheit tatsächlich die ganze Phiole verwendet hätte. Magenschmerzen sollte sie dem Kapitän bereiten. Durchfall über mehrere Tage, dass er nicht lossegeln konnte, um ihn zu ersetzen mit einem anderen Kapitän, der in Ronans Schuld stand. So genau wollte sie über die Pläne nie Bescheid wissen, denn dann machte sie sich mitschuldig. Und was, wenn sie doch zu viel in das Essen getan hatte? Was, wenn sie sich mitschuldig gemacht hatte und der Kapitän nicht nur für ein paar Tage an seinen Nachttopf gefesselt war??
Auf einmal stieß ihr jeder Gedanke an Essen auf und die Düfte im Haus waren nicht mehr wohlriechend, sondern ließen sie die Nase rümpfen. Es war eine Entscheidung aus dem Affekt heraus, dass sie statt der Einladung, sich an dem Hünchen zu begnügen, nach der Weinkaraffe und dem benutzten Becher griff, sich einschenkte und bei dem bitteren Geschmack gegen ihre Lippen nicht einmal mehr das Gesicht verzog. Schön, jetzt hatte sie auch noch einen Fehler gemacht, wenn er sie fürs Morden bezahlt hatte. Sie dumme Gans hätte überhaupt nicht herkommen sollen.
