17-06-2024, 12:01 - Wörter:

Das Wasser empfand er als kühle, angenehme Erfrischung, während er den Worten weniger Sinn beimessen konnte. War er nicht hier, weil sie ihr Wissen austauschen wollten? In diesem Raum allein steckte so viel ungeschliffenes Potential, so viel Arbeit von einem Mann, dass der Assassine ein ehrfürchtiges Kribbeln in seinem Nacken spürte. Hätte seine Arbeit auf den Straßen es erlaubt, er wäre früher gekommen, und vor allem öfter. Ilyas war des Lesens mächtig und einer der einzigen Menschen, der seine Faszination für die Pflanzenwelt in ihren Substanzen und Erzeugnissen verstand; einer, von dem er lernen und seinen Horizont erweitern konnte. Dass Devan nun seine Augenbrauen zusammenzog und sich diese eine markante, senkrechte Falte dazwischen vertiefte, verdeutlichte nur, dass er eigentlich einen anderen Gesprächsgrund erwartet hatte. Seine Verwunderung vertiefte sich nur und schlug fast schon in Skepsis um, während er den Adjutanten weitersprechen ließ. „Du willst, dass ich nach King´s Portal gehe?“ , fasste er die Bitte zusammen. In seiner Stimme steckte kein Tadel, keine Beleidigung, versuchte er doch lediglich, das Gesagte richtig zu deuten. Es kam nicht selten vor, dass Ilyas in einer Wechselseitigkeit aus Geben und Nehmen Dinge von Devan verlangte gegen das Wissen, das er mit ihm teilte. Das stieß auf Verständnis und Devan tat es immer freiwillig. Er ging sogar darüber hinaus und tat Gefälligkeiten ohne eine Gegenleistung nicht nur für den Adjutanten, sondern auch für die anderen sechs in ihren Kreisen. Aber er tat sie nicht kopflos. „Willst du, dass ich euch begleite, nachreise oder nur im Fall von Gefahr ins Königsland Reise?“ Die eine Hand immer noch hinter dem Rücken, erklärte er mit dem Becher in der anderen Hand den Weg von A nach B, den er auf sich nehmen würde, um besagte Bitte zu erfüllen. Devan musste sich die genauen Wege nicht errechnen, er hatte etwa im Gefühl, wie lange er nach Abu Khabir brauchte, während die Seereise unberechenbar und stark vom Wetter abhängig sein würde. Das unauffällige Besteigen eines Handelsschiffes zu diesen Zeiten war hier nicht das Problem; es fehlte ihm lediglich das Verständnis für den Grund, diese Reise auf sich zu nehmen. Devan schürzte abschätzig die Lippen, schüttelte dann aber den Kopf. „Mit den Plänen, die wir verfolgen, kann ich hier nicht weg. Sollte das Festland wirklich gefährlich werden, wird die Nachricht zu lange brauchen, um hier anzukommen“ , mutmaßte er. „Du brauchst jemanden, der Vorort ist und schnell handeln kann.“ Jederzeit konnte Ilyas ihm ins Wort fallen und seine eigenen Gedanken kundtun, war der Assassine doch niemand, der darauf beharrte, seine Gedanken zu Ende auszuführen. Auch, wenn es in diesem Fall vielleicht Früchte trug, wenn man es ihm erlaubte. Nachdenklich setzte sich sein Blick in einer der Raumecken fest, das innere Auge gefüllt mit Gesichtern, die er kategorisch durchging. „Ich kenne eine Person in King‘s Portal, die ich mit der Aufgabe betrauen kann. Oder ich kann dir einen Söldner meines Vertrauens empfehlen?“ Kurz dachte er an seine Schüler, verwarf aber schnell den Gedanken. Latifa brauchte er hier, wenn die Zeit reif war, zumal ihre Tarnung im Palast gefährdet werden könnte, sollte er sie auf eine mehrwöchige Mission schicken. Und Ilias… Es war noch zu früh, um ihn auf eine unabhängige Mission zu schicken. Selbst mit funktionsfähigen Beinen war er zu ungestüm, zu unberechenbar und nicht erfahren genug, dass er sich womöglich noch selbst in Gefahr bringen würde. A propos Gefahr, da war noch so eine Sache, die ihn stutzig machte. „Hältst du es für eine gute Idee, Amira zurück in den Palast zu bringen?“ Nicht, dass er an Ilyas Urteilsvermögen zweifelte, er würde wirklich gerne wissen, was in diesem intelligenten Kopf vorging.
