22-06-2024, 17:28 - Wörter:

Dann verrat mir, was du von deiner eigenen Entwicklung hältst. Lass mich nicht im Dunkeln tappen. Devan folgte ihrer Handgeste in die Schatten der Arcaden, zwei Bäume, die er selbst gepflanzt hatte: Einen, nachdem er vor sieben Jahren auf einen Schatten seiner Vergangenheit gestoßen war, den zweiten, als er ein dürres Sklavenmädchen auf den Armen in ihr zukünftiges Zuhause getragen hatte. Der Dritte spross noch nicht so kräftig, war aber auf dem besten Weg, sich zu seinen Brüdern zu gesellen. Devan tauchte seine Hände ebenfalls in die Schale, schöpfte das kostbare Wasser aber nicht über seinen Körper, sondern ließ es in den Boden einsickern, um die Wurzeln des jungen Baumes zu nähren. Erst dann fuhr er sich mit den nassen Handflächen über den staubigen Nacken und seine Wangenknochen, während er seiner Schülerin zuhörte. Nie sollte man der Annahme sein, dass er nicht zuhörte, auch wenn er sich wegdrehte und anderen Beschäftigungen nachging; da war immer ein aufmerksames Ohr für die Belange und ein wachsames Auge für das Verhalten der anderen. So wie für die Geste, die er aus dem Augenwinkel bereits abschätzte und sie dennoch zuließ. Kaltes, halb-frisches Wasser benetzte seinen nackten Oberarm, wo sie es doch reinigen und und zwei durstigen Kindern zum Trinken hätten geben können. Devans Blick begehrte auf und fasste seine Schülerin ins Auge.
“Dein Schatten kopiert deine Bewegungen, oder willst du damit sagen, du bist langsamer als er?” Selten ließ Devan sich auf die Provokationen seiner Schüler ein, waren es doch oft sie gegenseitig, die sich nicht in Ruhe lassen konnten. Aber er musste zugeben, dass der Wortwechsel mit seiner Schülerin ihn amüsierte. Es brachte Farbe in seinen Alltag und verdrängte die Bilder, die sich besonders lebhaft anfühlten, wenn er die Augen schloss.
“Die Bilder bringen auch mich aus dem Gleichgewicht”, gestand er schließlich. “Und nein, Impulsivität ist nicht gleich eine Schwäche. Du kannst sie dir zu nutzen machen. Impulsivität steht auf der anderen Seite von Gelassenheit und Trägheit, beides Eigenschaften, die einen vom Handeln abhalten. Du handelst.” Es war kein Kompliment, kein direktes, allerdings erkannte er damit ihre Sicht auf ihren Fortschritt an und akzeptierte ihre Erklärung. Genauso wie Trägheit konnte aber auch Impulsivität gefährlich werden; nämlich dann, wenn man sich zu sehr von ihr leiten ließ. “In einer unbekannten Situation darf dir das aber nicht zum Verhängnis werden. Wer impulsiv ist, lässt sich auch schnell zu unüberlegten Entscheidungen hinreißen.” Bevor Latifa das Tuch nochmal ins Wasser tauchen konnte, hielt Devan seine Handfläche auf und erwartete von ihr, ihm das Stück Leinen zu geben. “Oder von seinen Gefühlen leiten.” Sobald er das Tuch in der Hand hielt, bedeutete er, dass sie ihren Arm präsentieren sollte, damit er sie der gleichen Wäsche unterziehen konnte. Genauso gründlich, genauso vorsichtig, mit dem gleiche wertvollen Wasser, das sie sich heute teilten.
