Und
was Ivar hier wagte. Er wagte es, auf den Stofffetzen zu sitzen, die sonst nur die Freier von Zara besudeln durften. Er wagte es, sich auf der Kiste niederzulassen, auf der sich die Sommerländerin sonst räkelte und ihren Körper in allen möglichen vorteilhaften Positionen in Szene setzte. Er wagte es, auch nur einen Fuß in das Zelt zu setzen und den Geruch von Sex mit seinem eigenen (zugegeben sehr ungewaschenen) Körpergeruch zu übertünchen. Wie konnte er es wagen, überhaupt hier zu atmen! Zumindest diesen einen Gefallen tat er ihr, wenn die gewonnene Farbe in seinem Gesicht doch der beste Indikator dafür war, dass er zu beschäftigt damit war, seiner Wut freien Lauf zu lassen und sich dabei nicht einmal die Zeit nahm, tief Luft zu holen und seinen Kopf mit Sauerstoff zu versorgen. Der peitschende Stoff fächerte Ivars inneres Feuer dabei mehr an, als dass er zum Löschen brauchbar war. Zweimal ließ er sich schlagen, dann reagierte er, griff blitzschnell nach dem Stoff und hielt ihn in seiner Faust gefangen, während er Zara in seiner Wut nieder starrte. Es lag ihm auf der Zunge, sie in Grund und Boden zu beleidigen und ihr klar und deutlich zu machen, dass er ihre Billig-Vagina
sicher nicht wollte - nicht, nachdem sie ihn wie einen straftätigen Straßenköter behandelte, oder besser noch, wie das Stück Dreck unter ihren ach so zarten Prinzessinnen-Füßen. Stattdessen übernahm Khaled es für ihn, ihre falschen Worte zu hinterfragen und gleichzeitig die nötige Distanz zwischen die beiden zu bringen. Ivar dachte endlich daran, tief einzuatmen, wobei sich seine Brust kräftig hob und sein Hirn sich mit Sauerstoff füllte. Den Stofffetzen hatte er losgelassen, aber sollte sie es nur noch einmal wagen, ihn damit anzugreifen. Er hasste es, die beiden dabei zu beobachten, wie sie ihren Moment hatten; vermutlich, weil er sich immer noch so fühlte, als würde er auf der Anklagebank sitzen.
Straßenköter, Gossenwichser, dreckiger Barbar, er war es gewohnt, so genannt zu werden, dass die liebevollen Kosenamen mittlerweile an einer Wand aus selbstgemeißeltem Marmor abprallten. Insgeheim wusste er, dass Zara ihn auch für einen Hund hielt. Warum erwartete er überhaupt, dass sich in den letzten Wochen irgendwas daran geändert hatte, als könnte er seinen eigenen Schatten bekämpfen und
einmal nicht in das gleiche Schema eines
einsamen Idioten fallen. Lieber rannte er mit einem Grinsen in die offene Klinge, als dass er sich überhaupt an dem versuchte, was die zwei Turteltauben so offensichtlich vor seinen eigenen Augen teilten.
Die gesammelte Luft verließ ihn in einem einzigen, humorlosen Schnaufen.
“Hier.” Die Situation war lächerlich, warum also nicht noch lächerlicher machen? Ivar griff in seinen kleinen Geldsack, den er am Gürtel trug, und fischte eine Kupfermünze heraus. Mit einem Schnipsen landete sie auf dem Tisch, wo Zara eben noch ihr Geld gezählt hatte.
“Nimm du dir doch, was du willst.” Er konnte das hier nicht gewinnen, und ehrlich gesagt hatte er auch keine Lust, noch weiter von einer bestürzten Hure in den Dreck getreten zu werden. Dann entschied er lieber selbst, wer über ihn urteilen durfte und wem er sich entzog, bevor man überhaupt über ihn urteilen
konnte. Aggressiver, als es nötig war, riss er die Zeltplane zur Seite und trat zurück ins Freie, wo bereits einige Augenpaare von Huren und Freiern erschrocken über ihn richteten. Sollten sie ihn halt auch für einen miesen Straßenköter halten, war ihm nur recht so.