10-08-2024, 15:27 - Wörter:

“Was Kühles macht nur Kopfschmerzen”, zuckte sie mit den Schultern und wandte den zusammengekniffenen Blick über die hellen Stufen, bevor sie diese Idee als unsagbar dumm einstufte, denn jetzt pochte der Schmerz vehement gegen ihre Stirn und strafte sie im besten Fall eine Lügnerin, im schlechtesten Fall einen EInfaltspinsel. Demonstrativ hob sie den dampfenden Tonbecher an ihre Lippen und ließ sich von dem Gebräu nicht nur den Blick, sondern auch den Schmerz vernebeln. “Wenn die im Sommerland sowas täglich trinken können, bei deren Hitze, dann kann ich das auch.” Es hatte weniger damit zutun, dass sie irgendwie mit diesen Fremden mithalten oder sich vergleichen wollte, sondern eher, dass der Kaffee sie weckte, dass er sie aus der Trägheit zwang, in den sie sich gestern hinein getrunken hatte. Mit einer wegwischenden Handbewegung und einem “Jaja” ließ sie ihre Freundin ziehen und nutzte die Gelegenheit, um ein wenig ihre schweren Lider zu schließen. Hm, ja, eine gute Idee. Einmal konnte sie sich auf die Geräuschkulisse in ihrem Umfeld konzentrieren, auf die Schritte neben und unter ihr, auf den kleinen Jungen, der seine Mutter nach irgendeiner Süßigkeit vom Markt fragte, und deswegen war sie dieses Mal auch nicht wieder überrascht, als sie das Rascheln von Skadis Kleid neben sich hörte und sich fast einbildete, ihre Präsenz neben sich zu spüren. Wenns sonst nichts weiter war, du Hexe.
Neugierig lugte Aurelia rüber und beugte sich schließlich in Richtung ihrer Freundin, um einen Blick auf das Joghurtgetränk zu werfen. Alleine der Anblick ließ ihren Magen schon gefährlich rumoren, und da war es wieder, dieses angesäuerte Naserümpfen. Aurelia meinte das wirklich nicht böse, echt nicht. “Bah ehrlich, ein Schluck davon und ich zeig dir vor deinen Füßen, was ich gestern alles getrunken hab.” Was, wenn man Aurelia kannte, von Wein über sommerländischen Anis bis zu getreu winterländischem Schnaps reichen konnte in einer ungesunden, sicher nicht sehr zukunftsbestärkenden Mischung. “An Wein kann ich mich gestern noch erinnern, und ein klitzekleiner Schnaps”, hob sie ihre Stimme und deutete die viel zu kleine Menge zwischen Zeigefinger und Daumen an. “Und du würdest staunen, wenn du wüsstest, auf wen man am Hafen alles trifft. Alle Arten von Menschen, wirklich. Aber ich suche mir natürlich nur die aus, die nicht lautstark damit brüsken müssen, was sie alles schon für Abenteuer erlebt haben.” Wieder zuckte sie die Schultern und dieses Mal schnörkelte sich ihr Mundwinkel sogar zu einem kleinen Schmunzeln. “Die wenigsten davon sind Amateure. Ich weiß nicht, vielleicht hab ich ein Händchen dafür, die Diamanten unter ihnen zu finden.” Etwas, das Skadi nicht von sich behaupten konnte, aber darin konnten sich die beiden Frauen auch nicht vergleichen, wenn auch in so vielen anderen Bereichen. Aurelia suchte sich ihre Partner für die Nacht aus; Skadi wurde ausgesucht. Auch wenn man sie beide in unterschiedlichen Währungen bezahlte, war da immer die Tür, die Aurelia zuschlagen konnte, wenn sie sich umentschied. So engeengt sie sich in dieser miesen, wuchtigen Stadt auch fühlte, das war eine Freiheit, die sie sich selbst aufgebaut hatte und auch nicht nehmen ließ. “Der von heute Nacht zum Beispiel? Wie ein jung reifender Wein, frisch und angenehm auf der Zunge. Nur der Nachgeschmack ist etwas bitter.” Der beschämende Gang nach Hause, die Erinnerungslücken, der Ehebruch - alles das Gleiche, die das Erlebte zu etwas Einmaligem machten. Einmal angebissen und weggelegt. Aurelia war nicht traurig drum, sie konnte sich an keine besondere Bindung mit Markus erinnern, außer an den erstaunlich synchronen, etwas tollpatschigen, aber erheiternden Einklang ihrer Körper. Emotionen rührten sich jedenfalls nicht, wenn man davon absah, dass sie während ihrer Erzählungen doch langsam von Toten erwacht war. “Und du?”, wandte sie Skadi ihren Blick amüsiert zu, mit einer Hand ihrer Augen vor der Sonne abschirmend. “Was ist deine Quote von Amateuren?”
