12-08-2024, 22:31 - Wörter:
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In den vergangenen Wochen war der Ritter der Königsgarde, Alden Sutherland, ungewöhnlich still gewesen, was sogar seinen Freunden auffiel. Nicht nur das, er schien oft in Gedanken versunken, was so gar nicht seiner Natur entsprach. Normalerweise war er immer aufmerksam, aktiv und selten abgelenkt. Doch auf ihre Nachfragen hin erhielten sie keine Antwort, obwohl Alden genau wusste, was ihn so beschäftigte: Er konnte an nichts anderes mehr denken als an die Fürstin von Penwick Town.
Seit er das Anwesen der Ashmores vor gut vier Wochen verlassen hatte, fand er keine ruhige Nacht mehr. Ständig träumte er von Grace – ihrem Lachen, ihren ungewöhnlichen Augen, die ihn so unschuldig und doch wissend ansahen, ihrem weichen Haar, das ihr Gesicht umrahmte, ihren Lippen und den tiefgründigen Gesprächen, die sie führten. Tagsüber versuchte Alden, sich abzulenken, indem er die sommerliche Hitze nutzte, um mit dem Kronprinzen an den See zu reiten und ihm das Schwimmen beizubringen. Lester hatte inzwischen seine Angst vor tiefem Wasser überwunden und schwamm nun wie ein Fisch. Sie spielten Ball, führten Übungskämpfe mit Holzschwertern aus oder unternahmen gemeinsame Ausritte.
Während Lester im Unterricht war oder anderweitig beschäftigt, brachte Alden seine Ausrüstung in Schuss. Er flickte Hemden und Lederzeug, besserte Kettenhemden aus, polierte sein Schwert oder putzte die Stiefel. Wenn er damit fertig war, begann er von vorn, oder er stürzte sich in eine Trainingseinheit nach der anderen, bis er vor Erschöpfung kaum noch stehen konnte. Erst dann fand er einen unruhigen Schlaf.
Seine Freunde beobachteten ihn teils amüsiert, teils besorgt und ließen ihn schließlich in Ruhe, nachdem sie keine Erklärung für sein merkwürdiges Verhalten erhalten hatten. Sie waren sicher, dass Alden sich irgendwann wieder fangen würde.
Als er vor zwei Tagen erfuhr, dass die Cousine des Königs eingetroffen war, war Alden noch mehr neben der Spur, doch zumindest konnte er nun seinen Plan umsetzen, das versprochene Treffen vorzubereiten. Einige Tage zuvor hatte er eine Bekannte aus der Stadt, die als Magd arbeitete, um Hilfe gebeten, ihm eine Garnitur Kleidung zu besorgen. Gegen ein paar Münzen und das Versprechen, keine Fragen zu stellen, erhielt er die Kleidung am selben Tag, in der Hoffnung, dass sie der zierlichen Fürstin passen würde. Sollte dies nicht der Fall sein, würde im Notfall auch ein Umhang mit Kapuze reichen.
Die Magd übergab ihm mit einem breiten Grinsen das Kleiderpaket und nahm die Münzen entgegen. Alden fragte sich kurz, welche Gerüchte sie wohl verbreiten würde – vielleicht, dass er heimlich Frauenkleider trug? Doch das war ihm egal, solange nichts auf die Fürstin hinwies. Die Kleider verstaute er sicher in seinem Zimmer.
Beim Frühstück überbrachte ihm der Hauptmann eine Nachricht von einem Diener, in der stand, dass die Fürstin ihn am Abend bei den Ritterunterkünften treffen wollte. Fast hätte Alden sich an seinem Frühstück verschluckt, schwankend zwischen Freude und Unruhe. Grace wollte ausgerechnet hierherkommen, wo alle versammelt waren, anstatt sich an einem abgelegenen Ort zu treffen. Der Pavillon in den Gärten, der vom Palast nicht einsehbar war, wäre ihm da spontan eingefallen. Doch offenbar war Grace fest entschlossen, Aldens Freunde kennenzulernen und wollte sich in der Garnison vorstellen.
Kurz vor der vereinbarten Zeit machte er sich auf, um sie abzufangen, denn es lag auch in ihrem Interesse, dass nicht der ganze Palast erfuhr, dass die Cousine des Königs in den Ritterunterkünften unterwegs war. Alden bevorzugte Diskretion, um zu vermeiden, dass am nächsten Tag halb Spring's Court darüber tuschelte.
Kaum hatte er die Unterkünfte verlassen und bog um eine Ecke, stieß er fast mit der Person zusammen, mit der er verabredet war. Sein Herzschlag setzte einen Moment lang aus, als er Grace erkannte, nur um dann umso heftiger weiterzuschlagen. Sie sah genauso bezaubernd aus wie beim letzten Mal, und für einen Augenblick war Alden versucht, sie einfach in seine Arme zu ziehen. Doch er beherrschte sich und die freundliche, aber formelle Begrüßung der Fürstin holte ihn zurück in die Realität.
„Euer Gnaden“, erwiderte Alden, ergriff ihre Hand und küsste sie mit einer Verbeugung. „Ich freue mich sehr, Euch wiederzusehen.“ Er lächelte bei ihren Worten, griff sie leicht am Arm und zog Grace um die Ecke, damit sie vom Palast aus nicht mehr zu sehen waren. „Ihr ahnt nicht, wie sehr ich mich nach diesem Moment gesehnt habe.“ Seine Stimme war leise, fast ein Flüstern, als er sie in eine abgelegene Nische führte, wo sie ungestört sprechen konnten.
Alden ließ ihren Arm los, trat einen Schritt zurück, um sie anzusehen, und konnte nicht verhindern, dass sein Blick über ihr Gesicht glitt, als wolle er sich jedes Detail einprägen. Seine Augen ruhten auf ihr, während er sich bemühte, die Aufregung zu verbergen, die in ihm aufstieg. Die Art, wie ihr Kleid ihre Gestalt umschmeichelte und die lose Strähne ihres Haares, die sich aus dem Knoten gelöst hatte, machten sie noch bezaubernder. Es fiel ihm schwer, den Blick abzuwenden, doch er zwang sich, eine höfliche Distanz zu wahren.
„Verzeiht, wenn ich zu aufdringlich wirke, Euer Gnaden“, begann er schließlich, „aber ich musste sicherstellen, dass uns hier niemand sieht. Ihr wisst, wie schnell Gerüchte sich verbreiten, besonders in einem Palast wie diesem.“ Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, doch in seinen Augen lag ein ernsthafter Ausdruck. „Aber ich habe mein Versprechen nicht vergessen und passende Kleidung besorgt. Wenn Ihr möchtet, könnt Ihr Euch in meinem Quartier umziehen.“ Er nickte ihr zu und ging voraus in das benachbarte Gebäude, in welchem die Unterkünfte der Ritter untergebracht waren. Glücklicherweise waren die meisten Ritter noch im Palast oder bereits ausgegangen. Er führte Grace die Treppe hinauf, durch einen Gang bis zur letzten Tür, die er öffnete und die Fürstin eintreten ließ. Ein schlichtes, aber sauberes Zimmer erwartete sie. Alden deutete auf das Kleiderpaket, das auf dem Bett lag. „Ich warte vor der Tür, bis Ihr umgezogen seid, Euer Gnaden.“ Mit diesen Worten schloss er die Tür und ließ Grace in seinem Zimmer allein.
