08-09-2024, 12:08 - Wörter:

“Das ist es”, bestätigte sie ihrer Freundin, aber mit jeder verstreichenden Minute wirkte der bevorstehende Tag schon weniger wie eine Herausforderung, mehr wie ein kleiner Sprung ins Ungewisse. Imani trug da sicher ihren Teil zu bei, widmete sie sich doch dem dicken, dunklen Haar, wie es schwer über Nailas Schultern fiel. “Die anderen sollen nur vorkommen, ich biete ihnen meinen Platz gerne an.” Es war ein schwacher Versuch an Humor, der nur schwach durch die dicke Sorge in Nailas Stimme sickerte, doch war er nicht zu leugnen. Leicht neigte Naila ihren Kopf, um einen Blick über ihre Schulter anzudeuten, ihr Gesicht doch eine Nuance heiterer als zuvor. “Was hältst du davon? Ein Tag als ‘Prinzessin Naila’. Du würdest dich hervorragend in meinem Brautkleid machen, wirklich.”
Tatsächlich spürte Naila, wie ihre Brust sich wieder mit Leben füllte und sie sich von der Positivität ihrer Leibmagd mittragen ließ. Schon immer hatte sie sich ungefragt von Imani beeinflussen lassen, weil sie das manchmal brauchte; jemanden, der ihr zeigte, wohin sie ihre Emotionen lenken sollte, jemand, der stabil genug war, um sich an ihr zu orientieren. Ihr Lächeln trug eine Spur von Zuversicht, als sie Imani ebenfalls über den Spiegel hinweg ansah. “Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen würde”, antwortete sie ehrlich. “Du bist das Stück Heimat, das mir geblieben ist.” Es fiel ihr schwer, Imani nicht mehr als die Sklavin zu sehen, die sie ihr halbes Leben über begleitet hatte. Ein Teil von ihr, deren Abtrennung sich ungefähr so anfühlen würde wie das Verlieren eines Armes, glaubte Naila. Dass ihre neue Heimat kein Gefühl dafür hatte, welchen anderen Stellenwert Sklaven im Sommerland hatten, wenn sie sich dem Leben ihrer Herren verschrieben und ein Teil davon wurden, wie ein zweiter Kopf, ein zweites schlagendes Herz, Nailas zweites Ich, daran mussten sie beide sich noch gewöhnen. Auch das bedeutete eine Art von Veränderung, der sich Naila unsicher gegenüber sah, auch wenn sich an ihrem Verhältnis zu Imani eigentlich nichts ändern sollte. Und was, wenn es das doch tat? Forschend studierte sie das Gesicht ihrer Leibmagd durch den Spiegel.
“Imani”, wandte sie sich ihr schließlich zu. “Fühlt es sich anders für dich an, eine Magd zu sein und bezahlt zu werden?” Keinerlei Böswilligkeit schwang in ihrer Stimme mit, das tat es nie, wenn sie im Beisein ihrer ausgesuchten Schwester war. Naila würde gerne verstehen, wie es um Imani stand, so wie sie vermutlich genau wusste, welche Sorgen im Kopf ihrer ehemaligen Herrin herumschwirrten.
