16-09-2024, 00:00 - Wörter:

Der Mond ließ ein paar Strahlen durch die Wolkendecke blitzten und tauchten Godwyns fassungsloses Gesicht in ein Spiel aus Licht und Schatten. Mit gehobenem Kinn musterte sie es möglichst ausgiebig. Eigentlich hatte sie gedacht, dass sie sich jedes Detail perfekt eingeprägt hatte, doch hier wirkte es fast so, als würde ein fremder Mann vor ihr stehen – den sie gleichzeitig so gut kannte. Es war eine Mischung, die sie nicht richtig begreifen konnte. Seine Stimme war kratzig, anders, als sie diese in Erinnerung hatte. Er hatte doch nicht allein in der Taverne gesessen und war deshalb derart heiser?
Elaine schloss für eine kurze Sekunde die Augen, als er sprach und seufzte dann. „Davon hast du also gehört?“, war ihre rhetorische Antwort, während sie gespielt nachdenklich die Stirn runzelte und mit ihren in dünne Handschuhe gepackten Fingern spielte. „Seltsam, aus irgendeinem Grund war ich davon ausgegangen, dass du gar nicht wusstest, wo ich untergebracht wurde.“ In ihrer Stimme lag schwerer Sarkasmus, den er in seinem Delirium hoffentlich nicht überhörte. War das der Alkohol oder der Schock, der ihn derart schwer von Begriff sein ließ? Sollte sie ihm mehr Zeit lassen? Oder ihm gruselig entgegen spuken, damit er sie möglich lang für einen Geist hielt? Sollte sie einfach dastehen und ihn ansehen, abwarten, bis er sich wieder gefangen hatte? Eigentlich hatte sie noch keine Entscheidung gefällt, doch es war, als würden ihre Füße eigene Entscheidungen treffen – denn diese trugen sie einige Schritte auf Godwyn zu. Jetzt brauchte er nur noch sein Schwert zu zücken und vielleicht war dieser Albtraum dann endlich vorbei. Faktisch gesehen, musste er fürchterlich riechen – sie vernahm Schweiß, Alkohol, diese Rüstung, die schon bessere Tage gesehen hatte, doch da war immer noch dieses bisschen, das nach Godwyn roch, das sie beinahe um den Verstand brachte. Da war diese Seite in ihr, die ihm um den Hals fallen wollte. Die sich fest an diesen Mann, der ihr einst das wertvollste gewesen war, klammern und ihn nicht mehr loslassen wollte. Und dann war da diese Seite, die am liebsten einen Dolch gezückt und die eigene Wut und den eigenen Schmerz mit abscheulichen Dingen betäubt hätte. Ein wenig restliche Contenance sorgte dafür, dass keine dieser Seiten überhand nahm.
„Kein Gott dieser Welt wird dich von deinem Gewissen befreien.“, zischte sie ihm entgegen. „Kein Gott kann dein Spiegelbild ändern.“ Fast schon amüsant, wie Menschen, die Grenzerfahrungen machten, plötzlich lammfromm und gottesehrfürchtig wurden. Aber er konnte ihr nichts vormachen. Sie kannte ihn. All seine Ecken und Kanten und jede Linie, die das Leben in und auf ihm gezeichnet hatte. Nicht aber die, die letzten acht Jahre mit sich gebracht hatten. Unweigerlich fragte sie sich, ob sie diese überhaupt kennenlernen wollte. Sie war ohne jeglichen Plan in diese Situation gegangen – und vor allem ohne Ziel. Eigentlich passte das nicht zu ihr, aber – auch, wenn sie das nie zugeben würde – dieser Mann brachte sie aus ihrem hart erlernten Konzept. "Weißt du, da ist eine Frage, die mich den ganzen Tag nicht losgelassen hat“, sprach sie leise, um all ihre Gedanken damit zu überspielen und seine Verdutztheit noch einen Moment länger auszukosten. Für die Dramatik hielt sie ein wenig inne und legte den Kopf schief, während sie ihn, nun wesentlich näher, betrachtete. „Hättest du mir auch zugesehen?" Ihre Stimme war jetzt nur noch ein Flüstern. "So wie Trakas heute?“ Am liebsten hätte sie ihre Hand an sein Gesicht gelegt, um ihm und sich selbst irgendeinen Teil dieser Wut und des Schmerzes zu nehmen. Tatsächlich hob sich ihre Hand auch ein Stück, doch sie hielt vor ihm inne und ballte die Finger langsam und verkrampft. Ihre Zähne hatte sie aufeinandergebissen, denn das half gegen die Schwere in den Augenlidern. Die Melancholie schluckte sie herunter, wendete den Blick ab und nahm die Hand herunter. Sie blinzelte zweimal und hatte sich wieder gefangen. So hob sie beinahe entschuldigend beide Hände und machte einen Schritt zurück. Sie hatte sich wieder soweit im Griff, um ein zynisches Schmunzeln aufzusetzen. „Aber ich wollte dich nicht aufhalten. – Ihr habt sicher besseres zu tun, als Euch mit Straßengesindel abzugeben, Euer Gnaden.“
