17-09-2024, 22:27 - Wörter:
Es gab tausende Stimmen in ihr, die verschiedene Dinge schrien und tun wollten. Das hatte sie manchmal, aber derart hatte sie es noch nicht erlebt. Es war, als könnte sie nicht vorhersagen, welche dieser Stimmen gleich überhand nehmen würde. Es gab diesen Teil, der sich endlich gehen lassen und von den Armen des Mannes vor ihr aufgefangen werden wollte. Der all die Verzweiflung der letzten Jahre fallen lassen und in Tränen ausbrechen wollte. Aber wie so oft hatte die kalte, berechnende Art Überhand, die es verstand, Verzweiflung und Trauer in Wut und Rachegelüste umzuwandeln. Doch die Art, wie Godwyn ihren Namen aussprach, ließ sie für einige Momente ihre Augen schließen, weil dieser Ton hart an ihrer Contenance rüttelte. Er klang dabei gleichzeitig so vertraut und so unbekannt. Acht Jahre lang hatte sie nicht mehr gehört, wie ihr Ehemann sie bei ihrem Vornamen nannte – und schon lange hatte sie niemand mehr diesen Namen sagen hören. Kopfschüttelnd und gequälter als sie sich eigentlich zeigen wollte, schüttelte sie langsam den Kopf. „Nein“, hauchte sie leise. Dieses Mal weniger zynisch, sondern ehrlich verzweifelt. Vielleicht war ihr Körper hier anwesend, aber die Frau, die er vor zwölf Jahren geheiratet hatte, war es nicht. „Elaine hast du vor acht Jahren in eine gottlose Hölle geschickt.“ Mittlerweile war ihre Stimme wieder etwas härter und gefasster. Ja, vielleicht war sie der Racheengel, der ihn heimsuchen würde – heimsuchen musste – weil das Leben ohne diesen Antrieb keinen Sinn mehr hatte. Diesen Moment hatte sie sich oft in ihren Tagträumen ausgemalt. Sie hatte viel Zeit mit Reisen, teilweise auch allein, verbracht und hatte genügend Zeit gehabt, die Gedanken schweifen zu lassen. Sie hatte überlegt, in seinem Zimmer zu warten, ihn mit einem Brief zu locken, plump auf der hellen Straße in ihn zu laufen – dieses Treffen hatte sehr viele Gestalten in ihrem Kopf angenommen und doch war er so ganz anders als in ihrer Fantasie. Sie brauchte keine körperliche Gewalt anwenden, um ihm weh zu tun. Im Gegenteil, vermutlich könnte kein Schwert dieser Welt ihn ähnlich leiden lassen, als ihre Worte – jedenfalls sah er sie genau so gequält an. In ihren Vorstellungen hatte sie dann ein breites Lächeln aufgesetzt und nicht aufgehört, ihm von der schrecklichen Zeit im Gefängnis und danach zu erzählen, doch jetzt, wo sie vor ihm stand und diesen Schmerz nicht nur in seinen Augen, sondern in seiner gesamten Erscheinung sah, schaffte sie es nicht, ihre Mundwinkel auch nur einen Millimeter nach oben zu bewegen. Ihr eigener Schmerz saß so tief, dass es sich anfühlte, als würde sie seinen auch direkt in ihrem Herzen spüren. Gefühle waren verdammte Verdammnis.
Es war besser, wenn sie ihn nicht zu Wort kommen ließ, oder? Sie merkte, wie es ihr Tränen in die Augen trieb, zuzusehen, wie er sowohl um Fassung, als auch um Worte rang. Er bekam kaum einen vollständigen Satz zustande und während sie erwartet hatte, dass sie sich darüber freuen würde, schmerzte sein gequälter Anblick nur noch mehr. Wieso ließ Heofader sie beide so leiden? In einer seiner Sprechpausen wollte sie antworten, wieder einen der Dolche herausholen, von welchen sie noch so viele besaß, doch sie schwieg und blickte ihm abwechselnd in das eine, dann in das andere schöne Auge. Sein linkes war so gleichmäßig blau, während das rechte diesen kleinen braunen Fleck hatte, den man nur sah, wenn man ihm nahe genug war – etwas, das sie schon lange nicht mehr war. Irgendwie hatte sie mit Entschuldigungen gerechnet oder mit Fragen, aber keinesfalls mit dem, was kam. Vermutlich konnte sie ihre Überraschung schlecht verbergen, weshalb sich ein verwundertes Runzeln auf die Stirn schlich und sie fragend ihren Kopf schieflegte, als er von ihrer Hinrichtung sprach. Normalerweise war sie dankbar dafür, dass ihr Kopf schnell arbeitete, doch darum konnte sie ihre Gedanken nicht vollends schließen. Sie hatte sich natürlich gefragt, weshalb sie aus Wynshot Steading weggebracht und letztendlich nicht in den Händen eines Schafrichters gelandet war, aber die Wachmänner hatten ihr diese Fragen nicht beantworten können. Sie hatte wilde Theorien dazu gehabt, aber das hier überraschte sie. Dennoch versuchte sie, sich schnell wieder zu sammeln, wendete kurz den Blick ab und blinzelte, um klare Gedanken zu fassen. Sie konnte ihm diesen Trumpf nicht stehen lassen, ohne die Sache vorher in Ruhe bedacht zu haben. „Du hast doch überhaupt erst dafür gesorgt, dass es so weit gekommen ist.“, zischte sie, um einfach abzulenken und die Gedanken an das, was er eben gesagt hatte, nicht zuzulassen. „Hättest du im Prozess für mich Partei ergriffen, wäre alles anders ausgegangen.“ Notwehr, ein verrückter, besessener Bruder und nichts hätte sich ändern müssen. Dann kam ihr, was das im Umkehrschluss auch heißen konnte und sie schnaubte vor ihm. „Warte – das heißt, du hättest mich lieber den Rest meines Lebens zwischen Verbrechern hinter Gittern hungern sehen? Wie – soll ich dafür dankbar sein? Stimmt - Halbnackt frierend auf Stroh zu schlafen ist ja fast wie Urlaub.“
Sie machte einige wenige Schritte zurück und wendete den Blick schon fast panisch zu Boden – aus Angst, sie könnte mit dieser Spitze, die sie eigentlich nur gegen ihn hatte verwenden wollen, recht haben. Vielleicht hatte er es wirklich fair gefunden? Vielleicht hatte er sie wirklich für den Rest ihres Lebens leiden lassen wollen? Vielleicht bedeutete sie ihm wirklich nichts mehr? So langsam schien Godwyn auch seine Sprache wiedergefunden zu haben und seine Worte machten es nicht besser. Wieso verletzten sie beide sich eigentlich nur noch? Scharf biss sie die Zähne aufeinander und blickte ihm wütend an. „Ist es das, was dir kommt, wenn du an uns zurück denkst?“ Sie schüttelte den Kopf, während einer kleiner Teil in ihr sagte, dass sie das verdient hatte. Zwei Sekunden geschlossene Augen, um sich zu sammeln. „Ja – Ja, vielleicht hast du recht.“, entgegnete sie also und öffnete die Arme schulterzuckend nach links und rechts. Sie wollte ihm noch weiter in irgendeiner Weise recht geben, ihm sagen, dass sie ihn nie geliebt hatte. Dass alles nur ein Vorwand gewesen war, dass er ein leichtes Opfer und das prunkvolle Anwesen eine willkommene Abwechslung gewesen waren, aber all die Worte brachte sie nicht über die Lippen. Sie öffnete die Lippen, um etwas zu antworten, doch diesmal war sie diejenige, die nicht direkt die passenden Worte fand. Erneut schüttelte sie den Kopf. „Dann hat dein Bruder ja genau das erreicht, was er wollte.“ Wieder lag ihr Blick auf seinen Augen – vielleicht der schönste Teil seines Körpers. „Und mir bestätigt das wieder, hättest du um meine Herkunft gewusst, hättest du mich keines Blickes gewürdigt. – Und du hast recht - Vielleicht wäre das besser gewesen. Dann müssten deine Gedanken an mich dich auch nicht mehr quälen. Schade, dass das das einzige ist, was sie zu tun scheinen.“
