22-09-2024, 11:07 - Wörter:

„Du klingst wie Mutter. Vielleicht will ich ja gar nicht dazulernen, sondern Spaß haben.“ Aurelia zuckte mit den Schultern. Sicher versuchte sie nicht mehr, es jedem recht zu machen, geschweige denn irgendeine Art von Logik in ihre Entscheidungen zu bringen. Wenn man es so sagen wollte, dann dachte sie meistens überhaupt nicht nach. Der eine Schluck Wein war eine spontane Laune heraus, dann wurde sie dort von einem Gast eingeladen, hier hatte sie Spaß, sich auf ein Wetttrinken einzulassen. Wenn man es so wollte, dann war die Wirtstochter der Inbegriff von Jetzt leben, nicht an die Zukunft denken. Wenn man sich nicht mit Visionen und Plänen befasste, wirkte das Hier und Jetzt umso realer. Greifbarer gar.
Mit allen positiven und negativen Auswirkungen. Aurelia kräuselte ihre Nase, bevor sie etwas näher an ihre Freundin heran rückte und sich ihr entgegen lehnte. „Kennst du Händler Markus?“, senkte sie ihre Stimme und sah Skadi erwartungsvoll an, als würde sie sich erhoffen, bei ihr auf wissende Ohren zu stoßen. „Campos, nein… Markus Demopoulos.“ Aha, ihr Gedächtnis ließ sie also doch nicht im Stich. Solche Gedächtnislücken waren eben doch nur temporär, sie kannte sie doch — es kam ganz drauf an, wer sie fragte. „Er wohnt an der Grenze zum Bankviertel. Ich wusste nicht, dass er auch im Hafen verkehrt, bis ich ihn gestern bei uns gesehen habe. Vermutlich war er auf Reisen und ist dann bei uns eingekehrt.“ Jetzt, wo sie etwas hatte, worauf sie sich konzentrieren konnte, schienen ihre Kopfschmerzen kaum noch präsent. Oft genug sprudelten Informationen aus Aurelia heraus wie ein Wasserfall, den sie kaum halten konnte — schon gar nicht, wenn sie mit einer Freundin den letzten Tratsch austauschte. „Er ist nicht älter als 35 und erstaunlich gut gebaut für einen Händler. Vielleicht war er früher ein Söldner, oder — er hat sich über die Hitze beschwert, meinst du, er hat im Winterland gelebt?“ Obwohl die Stimme der Wirtstochter nur ein Raunen war, geübt im Umgang mit sensiblen Informationen, merkte man ihr an, wie sie sich von ihren eigenen Ideen mitreißen ließ. Genauso leicht sah man ihr auch an, wie eine Erinnerung über ihr Gesicht flog und die Aufregung eindämmte. Nachdem sie einmal tief die Luft einzog, richtete sie sich wieder etwas auf, von Skadi weg, und klemmte sich einzelne Strähnen hinters Ohr. „Na ja, vielleicht. Ich dachte, ich hätte heute ein Kind gehört, als ich abgehauen bin, aber vielleicht war das gar nicht sein Kind…“ Das würde auf jeden Fall den kleinen Knoten in ihrer Brust lösen. Nach dem Treffen hier würde sie noch eigene Nachforschungen anstellen, so viel sei sicher.
Aurelia tat es ihrer Freundin gleich und lüpfte selbst eine Braue aus offensichtlichem Unglauben, dann löste sich ihr bisher recht zerknautschter Gesichtsausdruck aber doch und wich einem schiefen Lächeln. „Hör doch auf, Skadi. Wir wissen beide, dass die größten Amateure die dicksten Hosen haben“, beugte sie sich entgegen der Schwarzhaarigen nach vorne, wobei sich ein paar Haarsträhnen aus der Klammer lösten und über ihre nackte Schulter fielen. Das Lächeln wärmte sich zu einem kecken Grinsen, während sie hoffte, eine Reaktion von ihrer Nebensitzerin zu erhaschen. „Sie wollen doch, dass man ihr Ego bestärkt, deswegen sind sie auch bereit, dafür zu zahlen.“ In Geld oder einer anderen Währung. Es gab ganz unterschiedliche Methoden, wie man von den dicken Hosen profitieren konnte, wenn das Können der Freier schon zu wünschen übrig ließ.
