07-11-2024, 16:32 - Wörter:

Und obwohl sie wusste, dass ihre Leibmagd sie nicht verlassen würde, war es doch von unvergleichbarem Wert, es aus ihrem Mund zu hören. So viel hatte sich in Nailas Leben verändert und ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, dass sie in einsamen Stunden gar nicht mehr wusste, ob sie noch stand oder fiel. Ihre Träume waren unruhig, ihr Schlaf unzureichend und so dünn wie die Seidenvorhänge vor den offenen Fenstern. Wenn auch noch die Säulen wegbrachen, auf die sie sich hier in Castandor stützte — auf Imani, Ranya, Rajani und Aanyah —, dann war Naila sich sicher, dass sie keine Woche hier überleben würde. Kein Ehemann dieser Welt konnte ihre Schwestern und Freundinnen ersetzen; auch kein Prinz des höchsten Blutes.
Aber statt in der Unsicherheit zu zerfallen, die wie Schatten hinter Imanis Worten lauerte, tat Naila genau das, was sie immer tat: Sie konzentrierte sich auf ihr Umfeld, um nicht in sich selbst zu versinken. In dem Falle sog sie die formulierte Antwort auf, einen Arm um die Stuhllehne gelegt, während sie zu Imani aufsah. Auch auf ihren Lippen lag ein kleines, vertrautes Lächeln, das an Größe und Tiefe gewann, als sie die Worte verstehend speicherte, wie das Lächeln einer Frau, die noch nie darüber nachgedacht hatte, nicht genug Geld zu haben. Die noch nie auch nur im Ansatz eine Grenze erreicht hatte, die ihr Sorgen machen müsste, ganz zu schweigen davon, dass sie je eine finanzielle Entscheidung getroffen hatte. In diesem Punkt unterschieden sich die Welten der beiden Frauen also doch, obwohl sie die gleiche Luft atmeten.
„Und was möchtest du mit deiner Bezahlung machen?“, fragte Naila mit gewonnenem Leben hinter ihrer Stimme, und hinter ihren Augen. „Wirklich, ich bin neugierig. Du könntest, hm. Auf den Markt gehen?“ Wie viel kosteten neue Kleider, wie viel kostete Schmuck? Nailas weites Nachtgewand floss mit ihrer zierlichen Gestalt mit, als sie sich erhob und mit nackten Füßen in Richtung des Balkons lief. Von hier aus sah sie die Stadt nicht, aber sie hörte das Meer rauschen. „Du könntest ein Schiff kaufen, oder einen Seemann. Müssen Menschen dafür bezahlt werden, wenn man möchte, dass sie für einen singen?“ Naila konnte sich noch so gut mit dem wissenschaftlichen Phänomen von Wüstenillusionen oder dem Maskenspiel am Hof auskennen, allein auf der Straße würde sie wahrhaftig keinen Tag überleben.
