22-11-2024, 19:46 - Wörter:

Während Männer die Welt mit Krieg und Eisen formten, waren es die Frauen, die den Ruinen Leben einhauchten. Nicht mit der Rohheit von Muskelkraft, sondern mit einer Empathie, die tiefer reichte als jedes Schwert. In den verbrannten Feldern und stummen Städten, wo die Schatten der Schlachten noch schwärzer als der Rauch standen, waren es ihre Hände, die Wunden verbanden, ihre Worte, die den Herzen Hoffnung einflößten. Und in diesem Gedanken – bitter und zugleich bewundernd – lag eine Wahrheit, die den Söldner verstummen ließ. Vielleicht war die wahre Macht dieser Welt nie in Schwertern oder Kronen zu finden, sondern in den Herzen jener, die selbst im Angesicht der Dunkelheit noch Licht schenken konnten. Also war - selbst wenn das Schicksal der Frauen schon bei ihrer Geburt besiegelt war - ihre Aufgabe gehaltvoller und wichtiger als alles andere. "Vielleicht wärst du sogar eine Prudenius geworden.", witzelte Remus und erstickte die trüben Gedanken mit einem amüsierten Glanz in den hellen Augen. Dabei dachte er weniger an sich selbst, sondern viel mehr an seinen ältesten Bruder. Vermutlich hätten sie zusammengepasst, vielleicht aber auch nicht. Wer wusste das schon und im Endeffekt war es auch nicht wichtig. "Und was macht eine hohe Priesterin so den ganzen lieben langen Tag?", erkundigte er sich, sich unter der Berufung tatsächlich nicht all zu viel vorstellen können. Was vermutlich auch daran lag, dass er genauso wenig hohe Priester wie auch Priesterinnen in seinem Bekanntenkreis hatte. Ob sie sich auf die Sünden und schlechten Träume irgendwelcher Fremden anhören musste und Lösungen für Probleme finden sollte, die nicht die ihren waren?
Dass Leander nicht in der Gegend war, ließ Remus kaum überrascht nicken. Natürlich. Es wäre zu einfach - und auch unwahrscheinlich - gewesen, seinen älteren Bruder bei einer Priesterin eines Glaubens zu finden, der ihnen von Kindheit an fremd geblieben war. "Wäre ja auch zu einfach gewesen.", seine Worte waren mehr ein Murmeln an sich selbst, begleitet von einem schmalen Lächeln, das nicht ganz die Schwere in seinem Blick verbarg.
Er schob den Gedanken an Leander beiseite, so wie ein Soldat ein Schwert in die Scheide steckt, wissend, dass es bald wieder gebraucht werden würde. Der nächste Tag würde Zeit für Pläne bringen – oder zumindest einen erneuten Versuch, den Schatten seines Bruders zu greifen. Der Wind frischte auf, trug den Duft von Rauch und Salz mit sich, und erinnerte ihn daran, dass der Winter nicht mehr fern war. „Ich hoffe, ich halte dich nicht von etwas Wichtigerem ab?“, die Andeutung eines Entschuldigungslächelns in den Mundwinkeln. Es war nicht seine Art, jemandes Pfad zu stören, und doch hatte ihre Gegenwart eine eigenartige Ruhe in die Ungewissheit seines Abends gebracht.
„Ich begleite dich noch ein Stück“, fügte er hinzu und deutete mit einem Nicken auf den Weg vor ihnen. „Bis da hinten. Dann schlage ich links ein, Richtung Taverne. Guter Met, ein warmes Mahl und ein Bett – alles, was ich heute noch brauche.“, seine Stimme war leicht, beinahe beiläufig, doch hinter den Worten verbarg sich eine Spur Müdigkeit, die schwerer wog, als er zugeben wollte.
