30-11-2024, 10:27 - Wörter:
You're my
BrotherAnd I would die for you.

Kalte Luft schnitt durch jede Bewegung, die mit sorgfältiger Genauigkeit ausgeführt wurde. Ein Zusammenspiel aus jahrelang gestählten Muskeln unter heller Haut, freigelegt vor zur Seite geräumtem Schnee und den Schatten vom angrenzenden Wald. Zu dieser Stunde wäre Leif mit seinem Gaul zur Jagd aufgebrochen, immer die gleiche Route, immer den Mond im Nacken, wie er auch jetzt auf tanzende dunkle Locken hinab schien und sich in den kleinen Schweißperlen auf der Stirn spiegelte. Heute und alle folgenden Nächte hielt er sich hingegen lieber zu Seiten der Burg auf, wo Erik und er früher die brüchige Mauer hochgeklettert waren. Der Kampfplatz in der Burg selbst war größer, ebener und besser aufbereitet als das kleine Stück Land mit zertretenem Gras, zwei stehenden Holzpuppen und einem Baumstumpf, der vor den Zeiten von Leif und Erik mal ein ganzer Baum gewesen war. Aber er war auch mittig zu allen Wohneinrichtungen der Burg und damit genau das, was Leif gerade nicht ertragen konnte. Tagsüber hatte er schon die wissenden Blicke von Reinka gespürt und sie gekonnt weg ignoriert - mit anderen Pflichten, die ihn riefen und einer konstanten Aversion, sich mit ihr alleine in einem Raum aufzuhalten. Da konnten ihn andere neugierige Blicke in der Nacht wirklich gestohlen bleiben, nur weil er nicht schlafen konnte und gedachte, das Defizit mitten in der Nacht mit körperlicher Verausgabung auszugleichen. Sowieso hatte er sich in den letzten Wochen gefährlich davon ferngehalten, über etwas Persönliches zu sprechen, oder die Gespräche mit seiner Familie und seinem Waffenbruder - jetzt Schwager - in irgendeine Richtung laufen zu lassen, die hinter die Wand führte, die Leif sorgfältig hochgezogen hatte. Morgen würde Jorin ins nächste Dorf reisen. Leif und Erik würden die Besten unter den Kandidaten, die sie in zwei Tagen auslesen würden, auf Stärke und Disziplin prüfen. Innerhalb von einer Woche würde Leif sich mit so viel Arbeit aufladen, nur um das Unmögliche möglich zu machen und seinen eigenen Grenzen einen Streich zu spielen; denn wer, wenn nicht er war in der Lage, aus einem Haufen Barbaren eine geordnete Truppe zu machen, die bereit war, ihr Vaterland zu verteidigen und den castandorischen Weicheiern den Gar auszumachen. Und wer, wenn nicht Erik war genau der Richtige, um die Ausbildung hier im Barbarenhochtum selbst in die Hand zu nehmen und Leif einen Teil der Verantwortung von den Schultern zu nehmen. Auf wen konnte er sich verlassen, wenn nicht auf seinen Waffenbruder, der ihm seit Jahren den Rücken deckte.
Ein Bruder, der nichts von dem Geheimnis wusste, was Leif heute Nacht vor die Burgmauern getrieben hatte.
Mit einem lauten Krachen bohrte sich die Axtschneide in Leifs linker Hand in den Baumstumpf und hinterließ eine tiefe Kerbe, während er, getrieben von seinen eigenen bösen Geistern, auf dem besten Weg war, über seine körperlichen Grenzen zu treten, nur damit er dem inneren Druck und der ungewollten Sehnsucht Einhalt gebieten konnte. In der Hoffnung, dass sich sein Kopf bald mit Leere füllte und seine Lungen mit brennender Luft, durchschnitt er seine Sorgen mit einer bockigen Zielstrebigkeit, denn im Zweifelsfall war es doch immer Gewalt, die ihre Arbeit tat. Und wenn die Gewalt gegen seine eigenen Gefühle gerichtet war, dann sollte es eben so sein.
