04-04-2025, 13:36 - Wörter:

Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, als er starke Finger um seinen Arm spürte, die ihn für einen Moment noch mehr aus der gefährlichen Balance brachten, ihm aber schnell den nötigen Rückhalt gaben, um die Situation zu seinen Gunsten zu drehen. Sein Blick kreuzte den von Zariyah und er brauchte den schmerzverzerrten Ausdruck nicht deuten, um zu wissen, was für Kräfte dieser Moment von ihr abverlangte. Jetzt, wo nicht mehr nur sein Leben über der Münzkante balancierte, handelte er instinktiv und glich das Gewicht, das sie halten musste, schnell mit mehr Kraft von seiner Seite aus. Trotz der kühlen Nachtluft stand ihm der Schweiß auf der Stirn, jeder Muskel aufs Äußerste angespannt, während seine linke Hand über den Stein schabte, bis er endlich einen Vorsprung zu fassen bekam. Mit einem gepressten Laut tief durch die Brust zog er sich in ein Gleichgewicht, dass es ihm erlaubte, Halt mit einem Fuß, dann mit dem anderen Fuß zu finden.
Dann war alles still.
Die Wüste kannte den Tod und wie er sich anhörte; kein Wind pfeifte ihnen um die Ohren, kein Geier zog seine Kreise tief genug, um seine Flügelschläge zu hören. Es war der Vorhang zwischen Leben und Nichts, der sich in der Leere so bemerkbar machte, als Devan spürte, wie die Hand des Todes seine Schulter streifte und wieder verließ. In den Minuten, die er brauchte, um seinen Puls zu beruhigen, ruhte sein Blick immer noch auf Zariyah, ohne ein Wort an sie zu verlieren. Das Schwarz seiner Augen sagte genug. Wieder hatte sie ihr Leben in die Waagschale gelegt, um ihn zu retten - so wie er es ohne zu fragen hunderte Male mit seinem getan hatte.
Gelöster Kiesstein knisterte unter seinen Fingerkuppen, als er sich den letzten Zentimeter bis zur Spitze hochzog. Devans Atem ging unregelmäßig und seine Muskeln zitterten ob der ungewohnt langen Anstrengung, während er das letzte Mal sein eigenes Körpergewicht in die Höhe stemmte und auf der glatt geschliffenen Plattform zum Liegen kam. Hier oben pfiff der Wind und blies einem Sandkörner in die Augen, weshalb er seinen Schal über die Nase zog und durch den Stoff atmete. Es brauchte weitere Minuten, bis er sich in eine sitzende Position aufrichtete und über die weiten Dünen schaute, wie sie sich unter dem Wind wellten und in der Ferne das Leuchten der Hauptstadt preisgaben. Es bedeutete ihm nichts - nicht wirklich. Er verspürte keine Freude daran, es bis hier oben geschafft zu haben oder die atemberaubende Aussicht zu genießen, die den meisten Menschen verwehrt blieb. Das Einzige, was ihn nicht kalt ließ, war die Präsenz neben ihm, die ihm so stark ähnelte, dass er sich manchmal fragte, ob sie aus denselben Schatten geformt waren. Ob es deswegen so selbstverständlich war, sein Leben für ihres zu geben?
„Danke“, wehte seine Stimme über die Platform, rau und heiser wie der Sand, der sich in ihrer Kleidung festsetzte. Devan kannte ihre Antwort bereits, ohne dass Zariyah sie aussprechen musste, so wie er wusste, dass es nicht notwendig war, ihr zu danken. Dennoch wollte er es gesagt haben, und er wollte ihre Stimme hören.
