17-04-2025, 15:25 - Wörter:

Mittlerweile wusste Naila gar nicht mehr, wie sie sich fühlen sollte. Die sicheren, geschlossenen Mauern des Palastes waren längst ihr Zuhause geworden, ein Teil von ihr, in dem sie sich behütet fühlte. Ihre Familie gab ihr Halt und sie wusste, dass sie ihren Geschwistern und Eltern denselben Halt zurückgab - wie konnte sie nur in die Welt hinaustreten und verraten, was ihnen allen heilig war? Für ein besseres Matariyya. Für deine Familie. Von Kind an hatte sie gewusst, dass sie als älteste Prinzessin des Königshauses nicht für immer in den Schatten der Palastgärten würde wandeln können, war ihre Hand doch, seit sie sich erinnern konnte, ein Teil der Politik von Königreichen und Städten gewesen. Über ihren Kopf wehten stets Stimmen hinweg, die den größtmöglichen Gewinn aus ihrer Ehe verhandelten, ohne je auf den Gedanken zu kommen, dass die Prinzessin wachsame Ohren hatte. Wenn nicht, dann waren ihre Augen sogar noch besser; so aufmerksam, dass sie in dem Gesicht ihrer Mutter hatte ablesen können, was in dem eingerollten Brief stand, den sie vor knapp sechs Monaten unter die Geschenke von Augusto gelegt hatte. Naila wusste stets mehr, als man ihren schweigsamen Lippen ablesen konnte. Es waren die Nuancen, die ihr auffielen, als ihre Mutter sie mit müder, zwiegespaltenen Freude erneut im Land begrüßt hatte, der kleine Trotz in Fayyads Mundwinkeln, während er mit ihr sprach, als wäre sie bereits eine Fremde zu Besuch. Der Körper eine junge Frau, der Geist doch gealtert durch die Krankheit ihres Vaters, der seine Probleme zu den Problemen ihres Landes machte, lag sie oft wach und starrte an die Decke in der stummen Frage, ob es ihrer Mutter genauso erging. War der Preis für Verantwortung die eigene Gesundheit und man durfte nur entscheiden, ob man sie sich seelisch oder körperlich aufbürdete?
Auf Nailas Lippen brannten tausend Fragen und keine fand eine Antwort in ihrem Spiegelbild oder der Seerose auf ihrem Schoß. Am letzten Abend in ihrem Zuhause, ihrem alten Zuhause, hatte sie das Gefühl, Kilometer an Vorbereitungen getroffen zu haben, und doch fühlte sie sich überhaupt nicht vorbereitet auf das, was vor ihr lag. Würde Malek sich heute noch blicken lassen? Wie ging es Ranya mit ihrem Abschied? War alles gepackt? Was brauchte sie für den Rest ihres Lebens? Würde Vater verstehen, dass sie nicht mehr hier lebte? Wie hatte Mutter diesen Schritt damals geschafft? Das Mädchen in ihr wollte schreien, aber die junge Frau brauchte kaum mehr ein Zittern zustande, das auch von der frischen Brise herrühren konnte. Die Blüten der Seerose, die sie mit ihren Händen umschlossen hielt, flatterten leicht. Wenn man Blumen ihren Wurzeln entriss, dann würden sie unausweichlich, irgendwann, verwelkten.
Auch wenn sie nicht um Gesellschaft gebeten hatte, wusste sie doch, dass es das Beste war, was Heofader ihr hätte schicken können - insbesondere, als sie am Schritt erkannte, wer sich ihr näherte. Naila hatte nicht gewusst, dass sie sich so sehr nach der Präsenz ihrer Mutter gesehnt hatte, aber jetzt, wo sie sich ihr bewusst war, war das Bedürfnis stärker denn je, ihr in die Arme zu fallen. Noch einmal Kind sein; doch die Gestalt der Prinzessin rührte sich nicht. Erst, als die Königin sich neben sie setzte und sie überschattete, als eine Hand zart die ihre berührte, schnappte sie nach Luft und hatte fast das Gefühl, daran zu zerbrechen. Nicht Herr der eigenen Gefühle zu sein, war eine Sache, aber zu wissen, zu spüren, dass die Gefühle ihrer Mutter selbst durch die Fassade brachen, schien sie völlig zu überwältigen. Sie wusste nicht, was sie sagen wollte. Noch nie brannten so viele Fragen auf ihrer Zunge und fanden doch kein Organ, um ausgesprochen zu werden, weil Naila Angst hatte. So war sie doch noch das kleine Mädchen, das nicht von Zuhause wegziehen wollte. Zu schnell war sie groß geworden, und ihre Schultern schienen nicht zu wissen, wie sie dem Druck trotzen sollten.
Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis Naila die Kraft fand, sich ihrer Mutter zu öffnen. Aus Angst, das eigene Ventil zu brechen, erlaubte sie sich nur eine einzige Frage; schwach, mit zitternder Stimme, die den Tumult in ihr zum Ausdruck brachte. “...wie war es für dich, als du damals dein Zuhause verlassen hast?”
