06-06-2025, 20:35 - Wörter:

Denn es wäre leicht.
Leicht, sich vorzustellen, dass es Aodhán sein könnte. Leicht, weil sie ihn kannte. Weil er nicht vorgab, jemand zu sein, der er nicht war. Jemand, der sie zurechtbiegen wollte. Weil seine Augen sie ansahen, wie Cathals es taten, sie aufnahmen mit all ihren Unebenheiten, ihren Rissen, mit ihrer Wut, ihrer Unsicherheit, ihrem Stolz. Und obwohl das mehr war, als sie je zu fordern gewagt hätte – obwohl es ihr mehr bedeutete als jede distanzierte Berührung, jeder aufgesetzte Kuss ihres Zukünftigen – wusste sie, dass es niemals Aodhán sein würde.
Sie hielt diesen Gedanken nicht fest, ließ ihn vergehen wie Nebel, den der Wind forttrug.
Stattdessen hob sie das Kinn leicht, warf ihm einen skeptischen Blick über die Schulter zu und sagte in trockenem Tonfall: „Das erklärt immerhin, warum du so jämmerlich verloren hast. Hättest du es wirklich ernst gemeint, müsstest du mich jetzt tragen – nicht umgekehrt.“ Zumindest fast.
Sie drehte sich wieder nach vorn, das Gewicht ihrer Schritte zielstrebig und fest. Doch der flüchtige Kontakt seiner Fingerspitzen an ihrem Handrücken ihre hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt wie ein Funke, der auf trockenes Laub fällt. Sie hatte nichts dazu gesagt. Auch ihre Miene verriet nichts, aber sie spürte ihn noch.
Sein Kommentar jedoch holte sie zurück, und Moira schüttelte kaum merklich den Kopf, als könne sie so seine Worte abschütteln. „Nun“, begann sie süffisant, „wenn du dich in meiner Nähe fürchtest, solltest du vielleicht öfter anständig kämpfen, dann würde Cathal dich nicht jedes Mal mit einer seiner Nahkampfziele verwechseln.“
Sie waren durch zwei der äußeren Gänge gegangen, drangen immer weiter ins Innere der mächtigen Burgmauern vor. Moiras Schritt blieb gleichmäßig, doch sie warf Aodhán immer wieder Blicke zu, mal mehr, mal weniger unauffällig. Sein Gang war aufrecht, vielleicht etwas steifer als gewöhnlich, aber das hieß nichts. Sie hatte zu viele Verletzungen gesehen, die erst Stunden später gefährlich wurden. Männer, die lachten – und im nächsten Moment erbrachen. Männer, die meinten, sie bräuchten nur Schlaf – und am Morgen nicht mehr erwachten.
Gedankenversunken schwieg Moira, bis sie vor der breiten Tür zur Küche standen. Die Wärme des Raumes schlug ihr entgegen, getragen vom Duft nach Brot, deftigem Schmorfleisch und dem schweren Rauch des Herdfeuers. Mit einem kräftigen Stoß öffnete sie die Tür. Die Magd, ein Mädchen mit rotem Zopf und Sommersprossen, schürte gerade das Feuer. Moira hob die Stimme: „Fiadh, btte gib etwas kaltes Wasser zum Kessel. Nicht zu viel – es soll warm bleiben, aber nicht kochend.“ Das Mädchen blickte auf, nickte hektisch und beeilte sich, um der Anweisung nachzukommen. Als sie fertig war, winkte Moira sie mit einem kleinen Lächeln hinaus. „Ich rufe dich, wenn ich dich brauche.“
Während die Tür ins Schloss fiel, drehte sie sich zu Aodhán. Das Licht des Feuers warf goldene Schatten auf sein Gesicht, ließ seine Züge noch markanter wirken, die blutige Spur an seiner Schläfe noch kontrastreicher. Moiras Blick wurde weicher, offener, als sie ihn betrachtete. Die Spuren ihres Spotts waren verflogen. Ihre Stimme war ruhig, klar, aber von einer Wärme getragen, die selten war – und ehrlich. „Wie fühlst du dich?“ Sie trat näher, musterte ihn mit geschultem Blick, aber auch mit einer Sorge, die sie nur selten anderen als Cathal zuteil werden ließ.
„Ist dir übel? Hast du Schmerzen? Siehst du mich richtig?“ Sie hob die Hand, um die seine fortzuschieben, ihr Leinentuch mittlerweile gesättigt von tiefrotem Karmesin. „Manchmal spürt man es nicht gleich, wenn etwas nicht stimmt.“ Sie hob das Kinn und wies ihm den Weg zur langen Küchentafel. “Leg dich hin. Wenn du ohnmächtig wirst, muss ich dich nicht erst auffangen.“ Sie schmunzelte voller Schalk, doch sie wich nicht von seiner Seite.
