09-06-2025, 09:55 - Wörter:

Erik seufzte leise und wandte den Blick dem zweiten Stück Holz zu. Der Wolf war bereits fertig – glatt gearbeitet, mit scharfen, wachsamen Linien. Das neue Stück in seiner Hand war das Gegenstück. Ein zweiter Wolf, kleiner, leicht geneigt, und mit einem Schlitz im Rücken, der sich über ein hervorstehendes Stück an dessen Kinn mit dem ersten verbinden würde. Zwei Hälften eines Ganzen, wie die Kinder, die aus ihrer Familie hervorgingen. Auch wenn Leif ihn gerade zur Weißglut trieb, sich stur zeigte und wie ein Bursche benahm, der nie gelernt hatte zuzuhören – sie waren verbunden. Über Blut, Geschichte, Verantwortung.
Vielleicht war es kindisch, Spielzeug zu schnitzen, das eine tiefere Botschaft tragen sollte. Doch vielleicht verstanden Kinder manchmal eher, was Erwachsene längst vergessen hatten: Dass Familie nicht immer einfach war. Aber dass sie passte, wenn man bereit war, die Formen aneinander anzulegen. Auch wenn es manchmal schnitt, bevor es hielt.
Ein harsches Klopfen an der Tür riss Erik jäh aus seinen Gedanken. Der Schnitt sauste tiefer als gewollt, das Messer schabte gefährlich nah an seiner Haut vorbei – ein Fluch presste sich zwischen seinen Zähnen hervor. Für einen Moment hielt er inne, das Holz in der einen, das scharfe Schnitzmesser in der anderen Hand. Eine aufkeimende Mischung aus Empörung und gereizter Wut loderte in ihm auf. Er war unleidlich seit dem Streit mit Leif.
Er schob den Hocker zurück, der leise über die Holzdielen kratzte, und richtete sich auf. Das grobe Leinhemd spannte über seinen Schultern, die Ärmel hochgekrempelt, an den Händen noch Holzspäne. Die gewohnte Lederhose saß fest, funktional wie alles, was er trug – kein Schnickschnack, keine Zier, nichts für den Prunk. In Wahrheit konnte man sich glücklich schätzen, dass der zukünftige Fürst von Wolfsmark in seinem eigenen Haus überhaupt etwas trug.
Es war einer der wenigen Ansprüche, die sein Vater jemals an ihn gestellt hatte. Schließlich wollte kein Fürstenrat über einen halbnackten Hitzkopf urteilen, der mit bloßem Oberkörper durch die Halle stapfte. Erik hatte sich dem gefügt, wenn auch widerwillig. Und inzwischen... nun, inzwischen war es auch Reinka, die ihn mit einem dieser tödlich stillen Blicke ansah, wenn er sich beim Anziehen zu viel Zeit ließ. Was ihn allerdings weitaus mehr beunruhigte, war die Art, wie sie die Dienstmägde betrachtete – nicht prüfend, sondern abschätzend. Wie eine Wölfin, die genau wusste, wann ihr Rudel zu groß wurde. Wenn ein Blick zu lange verweilte, wenn ein Kichern zu laut war – Reinkas Augen verfolgten jede Bewegung. Erik hatte den Verdacht, dass manch eine Magd sich weniger vor seinen blöden Sprüchen fürchtete als vor Reinkas stummen Urteil. Und vielleicht, so ehrlich musste er zu sich selbst sein, gefiel ihm das sogar ein kleines bisschen.
Erik öffnete die Tür – und blickte geradewegs in die Augen seines Waffenbruders. Sie waren einander in der Statur ebenbürtig: gleich hoch gewachsen, Schultern wie aus Stein gehauen, ihre Kiefer scharf geschnitten und das Blau ihrer Augen von beinahe identischer Intensität. Und doch war alles an ihnen gegensätzlich. Wo Erik der Fels war – standhaft, oftmals zu unbeweglich –, war Leif das Feuer: unberechenbar, hell aufflammend, schwer zu zähmen. Einer zögerte, der andere handelte. Einer hielt fest, der andere schlug zu. Wenn Erik zu laut war, wurde Leif automatisch leiser. Es war diese Unterscheidung, die sie seit Jahren nicht trennte, sondern verband. Und dabei wechselten ihre Positionen so zuverlässig wie die Gezeiten. Zwei grundverschiedene Männer, die sich besser ergänzten als eine Klinge und der Schleifstein, der sie schärfte.
Kurz glitt Eriks Blick zu der flachen Hand, die noch immer an der Tür ruhte. Seine Augenbraue zuckte kaum merklich, dann öffnete er sie ganz und ließ den prüfenden Blick wie ein Messer über die Tunika seines Waffenbruders gleiten. Ein Kommentar lag ihm auf der Zunge – bissig, vielleicht spöttisch –, aber er schluckte ihn hinunter. Stattdessen trat er einen Schritt zurück, machte wortlos Platz. "Hab mich schon gefragt, ob du den Plan zur Ausbildung noch besprechen willst – oder lieber gleich abdampfst", raunte der Blonde schließlich, während er die Tür hinter Leif mit einem hörbaren Krachen ins Schloss fallen ließ. Sein Blick blieb auf dem Thronerben liegen, abwartend. Als erwartete er tatsächlich ein sachliches Gespräch über Taktiken, von denen sie beide wussten, dass sie sie im Ernstfall ohnehin über Bord werfen würden.
