14-06-2025, 15:38 - Wörter:

Asgrim spürte, wie sich die unsichtbare Schlinge um seine Brust fester zog, als er die ersten Häuser des kleinen Dorfes passierte. Rabenrast – kaum mehr als ein Schatten auf der kalten Karte Norsteadings, kaum der Rede wert. Und doch lag auf diesem Ort ein Gewicht, das ihn niederdrückte, als würde die bloße Nähe eine alte Schuld auf seine Schultern legen – eine, die selbst das endlose Meer nicht hatte fortspülen können.
Er hatte überlegt, das Dorf zu umreiten. Einfach weiterzureiten, wie so oft zuvor. Doch das hätte nichts gelöst. Es hätte den Druck nicht genommen, nur vertagt. Und es wäre nichts weiter gewesen als ein weiterer Schritt in der langen Kette seiner Fluchten – weg von einem Versprechen, das er ihr einst gegeben und gebrochen hatte.
Es bestand die Möglichkeit, dass sie längst nicht mehr hier lebte. Zehn Jahre – eine Ewigkeit, in der man weiterzog, weiterlebte. Wieso hätte sie es auch nicht tun sollen? So wie auch er weitergegangen war, Schritt um Schritt, in eine Freiheit, die sich nicht immer wie Freiheit angefühlt hatte.
Der Schnee fiel leise und stetig, schmolz auf seinem Mantel. Die Häuser von Rabenrast schwiegen, niedrig und grau, die Dächer schwer von Weiß, als drücke der Winter selbst auf sie herab.
Ein alter Brunnen stand noch dort, wo er ihn in Erinnerung hatte – windschief, mit einem zerbeulten Eimer. Und daneben: die Linde. Verkrüppelt inzwischen, ihre Äste vom Wind gezeichnet, aber noch lebendig. Er hielt an. Stieg nicht ab. Sah nur hin. Die Linde trug keine Blätter mehr, nur den Schnee. Und doch schien es, als stünde ihr Schatten noch da – wie ein Abdruck, der nicht vergeht. Ob sie auf ihn gewartet hatte? Hatte sie ihn verflucht? Oder – schlimmer noch – hatte sie ihn vergessen?
Asgrim wandte den Blick ab, als er Schritte vernahm. Ein Junge, kaum älter als neun Winter, überquerte eilig den verschneiten Platz, umrundete den Brunnen und zog ein kleineres Mädchen hinter sich her – die grobe Wolle ihrer Mäntel wehte im kalten Wind, Schneeflocken klebten an ihren Schultern.
Der Junge blieb kurz stehen. Flachsblondes Haar fiel ihm wild in die Stirn, als er sich umdrehte. Ein Blick traf Asgrim – direkt, forsch, und doch zögerlich. In den blassblauen Augen lag ein Funke Trotz, vielleicht Unsicherheit. Oder bloß kindliche Neugier.
Asgrim erwiderte den Blick nicht lange. Da war etwas an dem Kind, das ihn frösteln ließ. Die Tür zum Haus öffnete sich mit einem gepressten Quietschen, der Junge verschwand mit dem Mädchen darin. Ein kurzes Rufen, Stimmen, das dumpfe Schlagen von Holz gegen Holz, dann wieder Stille.
Asgrim blieb reglos im Sattel sitzen. Etwas Unausgesprochenes lag in der Luft, wie der Moment vor einem Sturm. Er wusste nicht, was genau ihn so aus dem Gleichgewicht brachte – der Blick des Jungen? Die vertraute Farbe seiner Augen? Oder bloß das Echo einer alter Schuld, deren Antwort er in jedem fremden Gesicht suchte? Dann öffnete sich die Tür erneut.
Die Frau, die heraustrat, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Keine Worte, kein Laut – nur dieser eine Atemzug, der sich anfühlte, als hätte ihm jemand einen Dolch in die Brust gerammt. Alles, was er glaubte hinter sich gelassen zu haben, kehrte in einem einzigen, mühelosen Schlag zurück: das Versprechen, das er gebrochen hatte. Der Blick, mit dem sie ihn damals verabschiedet hatte. Und das Schweigen danach – zehn Jahre lang. Sie war älter, gewiss – aber es war unverkennbar sie. Dieselbe Haltung. Derselbe Blick, scharf wie Eis im Morgengrauen. Ihr Haar, etwas heller nun, war zurückgebunden, ein loses Tuch um die Schultern geschlungen. Kein Zögern lag in ihrer Bewegung. Kein Staunen in ihrem Gesicht.
Sie sah ihn. Und sah ihn doch nicht.
Asgrim schluckte. Die Jahre zwischen ihnen waren plötzlich nichts als Schnee. Und jedes Wort, das er sich irgendwann einmal zurechtgelegt hatte, fiel ihm wie ein alter Mantel von den Schultern – schwer, durchnässt, bedeutungslos.
"Eydís."
