14-06-2025, 22:40 - Wörter:

Ihr Atem geriet ins Stocken. Nicht wegen der Nähe des Reiters. Nicht wegen jener Erinnerung am Rande ihres Bewusstseins, die wie eine Messerklinge durch das Gewebe ihrer Gegenwart geschnitten hatte. Sondern wegen des Tiers. Die Angst kam nicht plötzlich, sie kam schleichend, wie sie es immer tat, wenn sie sie erwischte – wie ein Echo aus der Einöde, wo die Stürme ewig und die Kälte unerbittlich waren, der Boden unendlich tiefe Risse besaß. Sie erinnerte sich an Blut im Schnee, an das Gewicht eines gestürzten Tieres, das sie unter sich begraben hatte, an kein Entkommen, und niemand, der kam, weil niemand wusste, wo sie war.
Der Hufschlag kam näher, und ihre Schritte wurden automatisch kürzer, hektischer.
„Eydís.“
Ihr Name. Wieder. Diesmal nicht verweht vom Wind. Klar, getragen von einer Stimme, die wie poliertes Holz klang – rau, warm, mit diesem tiefen, brüchigen Unterton, den man nie ganz vergaß. So hatte er geklungen, in der Zeit, bevor sie aufhörte, von ihm zu träumen.
Die Erkenntnis schnitt durch sie hindurch.
Er war es.
Es war wirklich er.
Sie wagte nicht, sich umzudrehen. Nicht, weil sie sich nicht sicher war. Sondern, weil sie sich zu sicher war. Runa würde vermutlich entsetzt behaupten, sie habe ihre Mutter so noch nie gehen sehen – wie eine Frau, die versuchte, dem eigenen Herzschlag davonzulaufen. Aber Runa war nicht hier. Niemand war hier, außer ein paar Dorfbewohnern, die aus Fenstern spähten oder hinter Türen hervorlugten. Sie hatten ihren Namen gehört, nicht ihre zweifelhaften Titel. Ihren wirklichen Namen.
Sie spürte die Blicke. Fragend. Missbilligend. Lüstern vor Neugier. Wer wagte es, sie so zu nennen?
Ihre Finger waren längst taub, der Korb rutschte leicht. Doch sie hielt ihn fest. Sie musste ihn festhalten. Wenn sie losließ, fiel sie vielleicht selbst. Die Welt begann sich um sie zu verengen – alles bestand nur noch aus dem Klang von Hufen und dieser Stimme, die etwas in ihr zerbrach, das sie so lange bewahrt hatte. Den Glauben, dass er tot war. Dass sein Verlust wenigstens eine Art von Frieden war.
Ein letzter, unsicherer Schritt, dann – ... Der Schimmelhengst trat ihr in den Weg. Wuchtig, gewaltig. Seine Nüstern zitterten, das Fell war vom dichter werdenden Schnee gesprenkelt, sein Brustkorb hob und senkte sich rasch, und doch wirkte er in sich ruhend. Zwischen ihnen stehend, zwischen Eydís und ihm – nichts als sein Leib. Kein Vorbeikommen.
Sie blieb stehen. Ihre Brust hob sich kaum, das Atmen war mühsam geworden, als würde das Tier ihr die Luft aus den Lungen drücken. Ihre Finger öffneten sich ohne ihr Zutun. Und der Korb fiel. Das dumpfe Poltern von Weidenholz auf harschem Schnee, das Rollen eines Salbentiegels, das eindeutige Splittern des Tonkessels – alles wirkte wie in weiter Ferne. Sie starrte nicht auf den Mann. Nicht auf das Pferd. Nur auf einen Punkt zwischen den Vorderhufen des Tieres, wo sich die Schatten des Reiters und ihres eigenen Körpers trafen.
Ihre Knie wollten nicht mehr, doch ihre Füße blieben trotzdem stehen. Fliehen wäre leicht. Aber sie hatte nicht gelernt, sich zu retten, um nicht zu überleben.
„Wohin gehst du?“
So banal. So entwaffnend. Als hätte er sie nicht zehn Jahre lang vergessen. Als sei da kein Kind, das ihren Namen nie von seinem Vater gehört hatte. Als hätte er nie die Wahl gehabt – und nicht sie gewählt.
Eydís schwieg, hob nicht den Blick. Denn wenn sie es tat – wenn sie sah, dass er lebte, dass sein Haar vom Schnee ebenso schwer war wie früher, dass sein Blick sich nicht verändert hatte – dann würde sie brechen. Und sie durfte nicht brechen. Nicht vor ihm. Nicht jetzt. Niemals.
Ihre Stimme, als sie doch sprach, klang nicht nach ihr selbst. Sie war rau, nüchtern, fast tonlos. „Du bist nicht tot.“ Es war kein Vorwurf. Kein Triumph. Nur eine Feststellung. Und sie schmeckte nach Endgültigkeit. Sie machte einen Schritt zurück. Nicht viel. Nur einen halben vielleicht. Gerade genug, um nicht von der Wärme des Pferdekörpers erfasst zu werden. Gerade genug, um die Kälte der Welt wieder zwischen sich und diese Erscheinung zu lassen.
Ihre Finger bewegten sich. Ein Zucken nur, als wollten sie nach dem Korb greifen – und fanden doch nur Leere. Sie zitterte, doch nicht nur vor Kälte.
„Verschwinde.“ Ein Flehen, oder ein Befehl. Vielleicht beides. Es kostete sie jedenfalls mehr Kraft als die anstrengendste Geburt. Mehr als all die kleinen und großen Tode, die sie je begleitet hatte. Und sie wusste, er würde sie nicht einfach gehen lassen. Nicht heute. Nicht mit den Augen, in die sie sich weigerte zu blicken. Nicht mit einer Stimme, die sich wie eine zweite Haut über ihre Erinnerungen legte. Nicht mit einem Namen, der ihr Herz zu Boden riss wie ein gefallener Stern.
