15-06-2025, 17:45 - Wörter:

Und einen Moment lang war da nichts. Nur der Wind, der um die Ecken des Dorfes strich, die neugierigen Augen hinter den Fenstern, das Knistern der zunehmenden Kälte, das sich in ihrer Kehle sammelte wie der Rauch eines Flächenbrands.
Seine Stimme schnitt, härter als jeder einzelne der vergangenen zehn Winter. Härter als die Schreie der Gebärenden in all den Nächten, härter als das Brechen eines mütterlichen Herzens beim letzten rasselnden Atemzug eines Kindes, das nicht gekommen war, um zu bleiben. Diese Worte, so einfach, so nüchtern, hätten aus jedem anderen Mund gleichgültig gewirkt. Hätten sie nicht berührt. Aber aus seinem …
Sie hatte ihn nie so sprechen hören. Nicht mit ihr. Niemals hätte er sie derartig geschnitten. Und jetzt tat es weh. Nicht auf die Art, wie es wehtat, wenn eine Narbe aufriss. Sondern wie ein alter Bruch, der nie ganz heilte und bei Kälte neu zu pochen begann. Etwas in ihrer Brust spannte sich, zog sich zusammen, wie ein verwundetes Tier, das sich duckt, bevor es beißt.
Ein Hauch Verzweiflung huschte über ihre stoische Miene, doch diese begegnete keinem anderen – denn sie hob immer noch nicht ihren Kopf. Stattdessen machte sie einen weiteren Schritt zurück. Obwohl er das Pferd zur Seite getrieben hatte, war es immer noch zu viel. Zu nah. Zu ... kalt.
Sie spürte das Beben in ihren Fingerspitzen erst, als sie sich zwang, niederzuknien. Nicht als als Beweis seiner offensichtlichen Theorie, sondern um einzusammeln, was ihr entglitten war. Der Korb, die Utensilien. Das, was sie so geordnet hatte, ehe er kam. Mit Bedacht griff sie nach dem Tiegel, dessen Rand abgebrochen war. Nahm ihn auf wie ein verletztes Kind – vorsichtig, aber bestimmt. Dann widmete sie sich den Scherben des Tonkessels. Ihr Blick blieb weiterhin gen Boden gerichtet, doch ihr Inneres kochte.
Sie war tot, hatte er gesagt. Und vielleicht war sie es auch, ein Teil in ihr sicherlich. Aber ein anderer, essentziellerer Teil, rührte sich plötzlich. Hob langsam, wachsam, den Kopf aus der Asche ihrer Exiszenz. Als ihre Finger sich um die letzte Scherbe legten, sprach er erneut.
Und ihr Zorn, ihr so lang gehüteter Schmerz nahm plötzlich überhand. Ein Ruck, ein kleiner nur, und dann – ein stechender Schmerz. Scharf. Heiß. Ein Schnitt quer durch die Handfläche, wie mit Präzsion gezogen. Die Wunde klaffte nicht weit, aber tief genug, dass das Blut sofort zu sehen war. Sie sog scharf die Luft ein und verzog das Gesicht – nicht schmerzerfüllt, sondern wütend. Eine Mischung aus Trotz und Widerstand zuckte in ihren Zügen. Sie blieb kurz so, auf den Knien im Schnee, das Blut tropfte. Dann hob sie langsam den Kopf. Ein erster Blick, der nicht vorsichtig war, ihn nicht tastend traf. Ein Blick, der schnitt.
Ihre Stimme war nicht laut. Aber sie trug weiter als alles bisher. „Dann hättest du bleiben sollen.“ Sie stand auf, mit erhobenem Kinn, blutend, mit dem Korb in der einen Hand und dem Schmerz in der anderen. Nicht stark, vielleicht. Aber lebendig. Und das, was in ihren Augen loderte, war nicht das Licht von früher. Es war härter. Dunkler. Und es gehörte ihr ganz allein.
Der Schnee knirschte unter ihren bloßen Füßen, als sie einen Schritt auf ihn zu machte. Nur einen. Keine Angst mehr. Nur Wut. Ihre Augen glänzten, aber sie weinte nicht. Tränen waren längst zu Eis um ihr Herz geworden. „Wenn ich tot bin, dann hast du den Dolch geführt.“ Sie sah ihn an – wirklich an – vielleicht nicht mit dem Blick des Mädchen von damals, aber zumindest mit seiner Erinnerung. Sie dachte seinen Namen, das erste Mal seit Jahren – Asgrim – sprach ihn in ihrem ausgedörrten Herzen, immer wieder, wie eine fremdländische Vokabel. Und für einen winzigen, flüchtigen Herzschlag zeigte sie ihm, dass sie noch da war. Nur nicht mehr für ihn.
