16-06-2025, 21:10 - Wörter:

„Ich bin keine Frau, die einen Mann um etwas anbettelt, Aodhán.“ Ihre Stimme war leiser geworden, ernster als zuvor. Fast ein Flüstern, aber mit einer Schärfe, die sie selbst überraschte. Woher im Namen der großen Mutter war diese Kühnheit plötzlich gekommen? Die feine Linie zwischen Stolz und Trotz war schwer zu halten, aber die Prinzessin balancierte darüber, als hätte sie nie etwas anderes getan. Als wüsste sie, was sie da von sich gab. Als hätte sie längst mehr erlebt als jene unschuldigen Küsse am Hafen vor vielen Jahren, deren Geschmack ihr trotzdem noch manchmal in Erinnerung kam.
Und sie sah, wie sein Blick auf ihr ruhte. Spürte es. Mehr noch: In diesem Moment wusste sie mit schrecklicher Deutlichkeit, dass er ihr glaubte. Und das war das eigentlich Verstörende. Sie sinnierte darüber nach und war vielleicht einen Herzschlag lang abgelenkt, dass sie zurück schrak, als er unter ihren Fingern zusammenzuckte, kaum dass sie das Leinen auf die Wunde gedrückt hatte. „Verzeih“, entfuhr es ihr sofort, und ihre Augen suchten seine. „Ich wollte dir nicht wehtun.“ Ihre Stimme war nun sanfter, zögerlicher. Als könnte sie das Brennen ungeschehen machen, wenn sie sich nur genug bemühte, es zu bereuen. „Ich habe wohl unterschätzt, wie empfindlich Druidenköpfe sind.“ Ein feines, versöhnliches Lächeln zuckte über ihre Lippen, doch ihre Augen blieben ernst.
Sie beobachtete ihn genau. Das Zusammenzucken, das angespannte Spiel seiner Kiefermuskeln, wie seine Lippen sich zu dieser schmalen Linie verzogen, als habe sie ihn mit ihren Fragen unangenehm berührt. Seine diplomatische Antwort wurde dadurch Lügen gestraft, denn Moira hörte die Worte, aber sie glaubte ihnen nicht. Viel Freude miteinander ... Klang wie ein Satz, den man sagte, wenn man nichts sagen wollte.
„Hm.“ Ihr Tonfall war unverbindlich, aber kühl. Kein echtes Misstrauen, doch ein fragendes Innehalten. Als hätte sie gerade eine weitere Schicht im Geflecht um die nahende Hochzeit entdeckt, die es zu durchdringen galt.
Die Behandlung war indes beinahe abgeschlossen. Mit einer geschickten, behutsamen Bewegung fixierte sie die zerkleinerten Pflanzenteile mit einem sauberen, breiten Streifen Leinen, den sie straff, aber nicht grob um Aodháns Kopf band. Ihre Finger blieben ruhig, auch wenn ihr Puls inzwischen in ihren Handgelenken pochte. „So. Das sollte helfen.“ Ihre Stimme war wieder nüchterner geworden, sachlich beinahe. Sie richtete sich auf, rückte ein wenig von ihm ab – gerade so viel, dass sich die Luft zwischen ihnen wieder klären konnte. Gerade so viel, dass ihre Wangen wieder zu ihrer vornehmen Blässe zurückkehren konnten.
„Bleib noch einen Moment liegen.“ Ihr Blick wich seinem aus, blieb stattdessen an einem ausgeleerten Kräuterbeutel hängen, den sie zusammenfaltete, als hinge ihr Leben davon ab. Dann begann sie, die benutzten Gefäße aufzuräumen, die Leinentücher beiseitezulegen, sorgfältig, fast übertrieben ordentlich. Jeder Handgriff war kontrolliert. Jeder Schritt, den sie vom Tisch entfernte, bedeutete auch: Nicht an den halbnackten Mann auf der Tafel denken, der eben noch süffisant über ihre Tugend gescherzt hatte. Nicht an das unsichere Flattern in ihrem Magen, das nichts mit seiner Wunde zu tun hatte.
Sie hielt sich an dem Porzellan fest, das sie auswischte. An der Arbeit. An allem, was Ordnung versprach in diesem Moment innerer Unordnung. Und doch: Zwischen zwei Handgriffen, während sie ein sauberes Tuch zusammenlegte, warf sie ihm einen schnellen Blick über die Schulter zu – schmal, aber spürbar. „Es tut mir leid, wenn ich dich mit meinen Fragen in Verlegenheit gebracht habe. Aber … ich möchte noch etwas wissen.“ Eine nervöse Zungenspitze benetzte ihre Lippen, bevor sie fortfuhr. “Sind das die allgemeinen Vorstellungen von einer Ehe? Herausforderungen und Freude?“ fragte sie leise. Nicht spöttisch. Nur voller Neugier, weich und mit jener leisen Bitterkeit, die sich einstellt, wenn man zu jung ist, um resigniert zu sein – aber zu alt, um noch ganz an Märchen zu glauben.
Moira war klug, wusste mehr als andere Frauen ihrer Herkunft und konnte vermutlich mit einem Zucken ihrer Tintenfeder ganze Fehden beilegen, doch das Rätsel der Liebe und der Ehe war ein Buch mit sieben Siegeln. Dass der ledige Aodhán vermutlich ebenso ahnungslos war wie sie, war ihr durchaus bewusst, doch wen sollte sie sonst fragen? Abrupt wandte sie sich wieder ab. Und tat so, als wäre ihr Herz nicht bis zum Hals gerutscht.
