06-07-2025, 05:55 - Wörter:

Müsste Leif die Reise nach Magnushaven nicht mit Lächerlichkeiten begründen (seine Familie aus der Hafenstadt hätte Aleena und ihm zu der Schwangerschaft schließlich genauso gut in Wintergard beglückwünschen können), würde er nicht den ersten Tag bei Festessen und Familienplauderei in der Burg verschwenden. Er könnte draußen offen über Angelegenheiten reden, die darauf schließen ließen, dass sie ihre Verteidigungsanlagen aufbauten und sich auf einen potentiellen Angriff vorbereiteten. Dieser Rundgang am Hafen, als würde er sich für die Aufmachung der Handelsschiffe interessieren und die Anzahl der Anlegestellen, wäre komplett hinfällig. Aber hier stand er, die Arme vor der Brust verschränkt, und zog sich Geschichten darüber rein, wann Magnushaven zum Handelsknoten geworden war.
“Und wie viele Schiffe haben wir momentan?”
, fragte er den Hafenmeister mit dem kahlen Kopf und blonden Vollbart, ein geschäftiger Mann mit kräftigen Armen und einem breiten Kreuz, dem man seinen Wohlstand jedoch in der Bauchgegend ansah. Dessen Stimme war freundlich, aber nicht überschwänglich, gesprächig für einen Winterländer, aber nicht ausartend. Dennoch konnte Leif nicht umhin, sich zu fragen, ob er überhaupt das Ausmaß von seinen Fragen verstand; warum er hier war und wissen wollte, womit sie zu arbeiten hatten. Sie alle hatten keine Erfahrung im Krieg und das machte sich bemerkbar.
Gerade hier in Magnushaven schien mehr Arbeit auf sie zu warten, als sie erwartet hatten. “Fünfzehn etwa, Eure Hoheit. Zwei davon sind unterwegs nach Matariyya”, verkündete der Hafenmeister, ohne groß darüber nachzudenken, doch Leif brachte die Antwort zum Schweigen. Nur fünfzehn? Sein Blick schweifte über die Anlegestellen, größtenteils gefüllt mit kleinen Fischerbooten.
“Und wie lange braucht es, ein neues zu bauen?”
Der Hafenmeister überlegte. “Mit den Männern, die wir zur Verfügung haben… Etwa 2-3 Monate. Der Winter und wir haben hier schonmal mit Unwetter zu kämpfen, die einen Bau erschweren.” Das war nicht genug. Mit jeder Information, die sie austauschen, merkte Leif, dass er die Flottenarbeit deutlich unterschätzt hatte - und damit griesgrämig seinem Vater rechtgeben musste, der ihn davor gewarnt hatte. Wir sind nicht gerüstet für einen Krieg. Sie konnten nur hoffen, dass Castandor sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert sah.Mit einem Brummen hielt Leif den Hafenmeister dazu an, die Tour fortzusetzen. Sie stapften durch den Matsch, aufgewühlt von tausend Arbeitern, Händlern und von deren Schiffsbesatzung. An ihnen zogen Gesichter vorbei, selten bekannt, ein jeder zu beschäftigt mit seinem eigenen Ablauf, um Leif mehr als nur einen Blick zu schenken. Hier war er einer von ihnen; ein einfacher Mann in einem Leinenhemd und mit einem Schwert am Gürtel, was in Norsteading nicht weiter für Aufmerksamkeit sorgte. Man ging ihm aus dem Weg, hielt Abstand und ging seinen eigenen Tätigkeiten nach. Hier drückten sich Pferdehufe durch den Matsch, eine Frau fluchte, und dort-
Leif legte seine Hand auf die Schulter eines Mannes, der im Inbegriff war, an ihm vorbeizuziehen. Es war eine Reaktion, die er sich nicht erklären konnte. Eine Eingebung, als das Gesicht des Mannes kurz durch sein Blickfeld gehuscht war. Ein Erkennen, ohne ihn zu fokussieren. Leifs Griff war stark und unnachgiebig, weil er den Mann zum Stehen bewegen wollte, und dieses Mal betrachtete er ihn mit Ruhe, mit Zeit. Eine Mischung aus Unglauben und Schock mischte sich in seinen Blick, denn das Erkennen formte sich langsam zu Kennen.
“Asgrim?”
