15-07-2025, 10:09 - Wörter:

Es waren die kleinen Halme, an die sie sich klammerte, wie die Blüten der Seerose versuchten, sich an ihrem Fruchtknoten festzuhalten. Doch eine Blüte löste sich bereits und segelte — getragen von einer leichten Brise — von Nailas Schoß zurück in den Teich. Kleine Worte waren es auch, die sie sich selbst gegenüber nie wagte, zu sagen, Worte, die ihr Spiegelbild noch nie gehört hatte, und doch waren es genau die Worte, die eine Mutter ihrer Tochter irgendwann sagen musste. Naila war nie gütig genug zu sich selbst gewesen, um sich einzureden, dass sie genug war. Sie war einfach da. Sie existierte für ihr Umfeld wie der Mond, immer präsent am Himmel und doch nie genug, um von sich aus zu strahlen. Worte, wie dass sie genug war, waren rar gesät — vor allem zwischen Mutter und Tochter, wenn eine von ihnen der Thematik ständig aus dem Weg ging und lieber betonte, wie groß Fayyad schon wieder geworden war. Ihre Mutter hatte recht, wenn sie sich beschwerte, wie sie Naila nie viele Möglichkeiten geboten hatte, aber die Prinzessin hatte es nie als Bürde gesehen. Es war schlicht und weg alles gewesen, was sie kannte; die schützenden, hohen Mauern, hinter denen sich eine ganze Welt auftat, die vielleicht gar nicht für sie gemacht war. All die Schriften, die sie heimlich las, versetzten sie in Staunen und ließen sie Fragen stellen, aber keine Entdeckung davon erlebte sie persönlich. Wenn sie sich nur dem Wissen und der Forschung hingeben könnte und währenddessen ein Auge auf ihre Geschwister haben könnte, wäre sie vermutlich zufrieden. Ihre Mutter hatte Ambitionen; Naila hingegen fügte sich nur den Umständen und versuchte, ihren Liebsten so wenig Schwierigkeiten wie möglich zu machen. Es war das Feuer, was sie von ihr brauchte, die Beständigkeit, die sie nicht hatte, und gerne hätte sie ihr das ins Gesicht gesagt — mit aller Liebe, die sie für sie aufbrachte —, aber Yasirahs Worte raubten ihr die Stimme dort, wo sie Wärme schufen.
Vielleicht waren sie sich doch ähnlich. Wie leicht es der Königin fiel, ehrlich gemeinte und herzliche Worte für ihre Tochter zu finden, während Naila das Gefühl hatte, dass sie selbst dabei zu kurz kam. Aber während sie mit diesem Schwall an Zuspruch fast überfordert war, konnte sie Gleiches nicht einfach zurückgeben. Vermutlich sollte sie das auch gar nicht. Das Beste, was sie ihrer Mutter tun konnte, war ihr Kinn zu recken und mit Zuversicht in ihre Zukunft zu blicken.
Naila merkte zu spät, dass ihr die Tränen über die Wange rollten, da löste sich schon eine und fiel auf ein Seerosenblatt. Als ihre Mutter ihre Hand an ihre Lippen hob und einen sanften Kuss darauf passierte, konnte sie ein Schniefen nicht verhindern.
„Aaaah…“
Ihre Stimme war gebogen und zitterte und der Belastung der Tränen, doch sie lächelte tapfer. Noch einmal schniefte sie und legte ihren Kopf in den Nacken, während sie versuchte, ihre Tränen wegzublinzeln und die feuchten Spuren mit ihrem freien Handballen trocken zu wischen. „Ich war noch nie gut darin, solche Worte anzunehmen“
, gestand sie ehrlich und nur halb so laut, wie sie gerne gewesen wäre. Aber was machte sie ihrer Mutter schon vor; vermutlich waren sie sich in der Hinsicht ganz ähnlich. Naila holte zitternd nach Luft und wartete, bis sie glaubte, ihre Stimme hatte sich wieder einigermaßen stabilisiert.
„Danke, ich… Ich glaube, das habe ich gebraucht.“
Jemand, der sie so unkonditionell liebt, wie eine Mutter nur ihre Tochter lieben kann. Ihre Hand drückte die ihrer Mutter, als sie ihr direkt ins Gesicht sah, mit diesem tränenverschleierten Blick, der das Licht des Mondes spiegelte. „Ich werde dich vermissen“
, lächelte sie, halb traurig, aber mit innerer Kraft. Wäre es nicht für ihre Mutter, hätte sie diese Kraft heute vielleicht nicht mehr aufbringen können.