26-11-2025, 15:59 - Wörter:

Aurora war angetan von der Erzählung und Naila verstand, dass es für die Ältere keine Richtigkeit in der Erzählung geben musste, um ihre Fantasie anzuregen. Es reichte die Begeisterung, mit der Rajani, die Lebendigkeit, mit der sie gestikulierte und ein sachtes Ausweichen von Naila erfolgte, damit sie ihren Keks nicht verlor. Bald blieben nur noch kleine Krümel auf ihren Fingerspitzen übrig, die sie an einem weißen Tuch abwischte und neben den Naschteller legte. Rajani merkte an, dass die Sonne untergehen würde, und Naila neigte ihren Kopf in den Nacken, bis das Laub goldene Muster auf ihrem Gesicht zeichnete.
„Lasst uns den Sonnenuntergang an den Klippen betrachten“
, schlug sie mit samtener Stimme vor, obwohl sie wusste, dass niemand ihr Angebot ausschlagen würde. Es gehörte sich nicht für jemanden von Rang und Namen wie Aurora, sich etwas auf ihr eigenes Befinden einzubilden, auch wenn Naila ihr in ihrem Ton offensichtlich die Wahl ließ. Das war das Privileg einer Hochwohlgeborenen, und die Prinzessin hatte die Regeln bereits mit dem ersten goldenen Löffel im Mund auswendig gelernt. Sorgfältig legte Naila die Laute vor sich ab und richtete sich in einer fließenden Bewegung auf. Ihre Finger zogen den Schal, der bisher in den Armbeugen geruht hatte, über ihr Haupt, um ihren Kopf vor der Sonne zu schützen und Anstand zu wahren, während sie in Begleitung von Rajani und Aurora den idyllischen Ort zwischen den Lorbeerhainen verließ. Auf dem Weg rief ihr eine junge Stimme entgegen und Nailas Lächeln weitete sich. Sie begrüßte ihre Schwester, so wie Elithea und Aanya an ihrer Seite. Im Rhythmus von Ranyas Stimme, die aufgeregt wiederholte, was sie heute gelernt hatte, wandte die Sonne sich langsam dem Horizont zu und tauchte den Himmel in ein rötliches Licht, das sie ein wenig an ihre Heimat erinnerte. Dort verbrannte die Sonne den Horizont, hier glühte sie nur. Doch war das so schlimm? Leben und Orte veränderten sich. Es war nicht in der Natur des Menschen, ständig nur an einem Fleck zu verweilen, und während der Gedanke Naila vor wenigen Wochen noch zum Denken angeregt hatte, stellte sie fest, dass er ihr gar keine Sorgen mehr bereitete. Was, wenn Zuhause nicht ein Ort war, sondern die Menschen, die den Ort füllten? Alles veränderte sich mit den Menschen; veränderte man sich selbst also auch, wenn man neue Menschen in sein Leben ließ?
Während Naila die Sonne beim Untergehen beobachtete, fühlte sie sich nicht fremd. Die Strahlen wärmten ihre Haut von außen, doch das Gefühl wärmte sie von innen. Ohne es auszusprechen, wusste sie, dass sie angekommen war. Dafür hatte sie ihre Heimat nicht loslassen, sondern nur neue Menschen in ihrem Leben willkommen heißen müssen, und sie wusste, dass es sie stärker machte als je zuvor.
Szenenende
