19-02-2026, 20:36 - Wörter:
Ein Zögern, wo vorher Ablehnung war. Nicht diese Art der Ablehnung, die aus persönlicher Abneigung heraus geschah, sondern aus privateren Gründen. Aus schwierigeren Gründen. So hoffte und dachte jedenfalls die Prinzessin. Aleena und Lindgard hatten sich immer schon ganz gut miteinander verstanden. Sie fühlte sich der jungen Stelhammer näher, als Reinka oder Frigga. Lindgard war sanft, wo die anderen stark und bärenhaft waren. Es war, als hätte ihre Schwägerin sie nie so offensichtlich für das verurteilt, was sie nun mal war: eine Blume aus dem Frühlingsland. Schwach, nicht überlebensfähig im tiefen Schnee und nicht bereit zu kämpfen. Aleena Stelhammer, geborene Stafford, war in der Sonne aufgewachsen, in der fröhlichen Umgebung Walleydors, auf grünen Wiesen und endlosen Feldern, umgeben von Pferden, Vögeln und Blumen, während über ihr die Sonne lachte und ihre warmen Strahlen auf die Erdenbürger schickte. Als sie in das Winterland geheiratet war, war all' das plötzlich ein Makel. Es war ihr Fehler, dass sie so sehr davon gezehrt hatte, denn egal in welches Land sie geheiratet hätte, es wäre ihr vermutlich alles nicht bekommen. Und während sie immer insgeheim wusste, dass die Familie, die sie im Winterland dazu gewonnen hatte, sie nicht akzeptierte, weil sie so war, wie sie eben war, hatte sie bei Lindgard am wenigsten das Gefühl für ihre Herkunft verurteilt zu werden. Und aus diese Gründen hoffte Aleena, dass es nicht diese Art von Ablehnung war, die ihr entgegenschlug, als sie nach gemeinsamer Zeit fragte. Es ging nicht darum, dass die andere Blondine keine Zeit mit ihr verbringen wollte, sondern sie hatte ihre eigenen Kämpfe zu schlagen. Es war kein Problem, das auf der Seite der geborenen Stafford lag. Ausnahmsweise war sie nicht daran Schuld. Daran klammerte sie sich fest, auch wenn Lindgard es niemals so deutlich ausgesprochen hatte. Doch nach den letzten Jahren hatte sie das Gefühl in ihr so etwas wie eine Freundin gefunden zu haben. Eine winterländische Freundin eben. Die glänzten mehr mit Distanz und Rauheit, als die Freundinnen in Walleydor, aber das Ergebnis war ähnlich: man fühlte sich weniger allein.
"
"
Das klingt wunderbar
", antwortete sie sodann grinsend und folgte der Empfehlung ihrer Schwägerin an den alten Hecken entlang zu laufen. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass sie den Weg zur Burg wieder alleine antreten würde, denn bis vor wenigen Sekunden war da eben kein Zögern auf Seiten Lindgards gewesen. Da war nur die höfliche Bitte um Ruhe, wenn auch anders verpackt. Dass sie der Einladung auf einen Spaziergang nun folgte, machte die Kronprinzessin ungewöhnlich glücklich. "Danke
", flüsterte sie leise und versuchte sich an einem Lächeln. Während sie ihre Hände in das weiche Fell ihres Umhangs zog, gingen die beiden Frauen schweigend nebeneinander her. Das einzige Geräusch, das sie lange Zeit begleitete, war das Knirschen unter ihren Füßen. Und nachdem sie sich ein wenig in Bewegung gesetzt hatten wurde es ein kleines bisschen wärmer um ihr Herz. "Vier Jahre sind es mittlerweile
", flüsterte sie leise und sah den ausgestoßenen Dampfwölkchen dabei zu, wie sie gen Himmel stiegen. Es verging einige Zeit, ehe die junge Frau sich selbst erklärte, während ihr Blick dabei abwechselnd auf die eigenen Stiefel und die Gärten gerichtet war. "Vor vier Jahren habe ich Leif geheiratet und bin nach Wintergard gezogen. Ich weiß die Schönheit des Schnees und des Winters mittlerweile durchaus zu schätzen, doch an die Kälte konnte ich mich in der ganzen Zeit noch nicht wirklich gewöhnen
", erklärte sie und zuckte beinahe entschuldigend mit den Schultern. Vielleicht würde es Lindgard einfacher fallen, wenn sie über Aleena redeten und nicht über ihr eigenes Wohlbefinden. Sie hatte ja mehr oder weniger schon zugestimmt, dass Schweigen heilsamer sein konnte, als viele Worte. Diesen Raum wollte sie ihrer Schwägerin auch gerne geben, doch war das etwas, was sie selbst nicht so empfand. Für sie war ein Austausch auf Augenhöhe der deutlich bessere Weg, als alles mit sich selbst auszumachen.

