11-04-2026, 20:51 - Wörter:
Mira atmete einmal tief durch, als würde sie versuchen, etwas in sich an seinen Platz zu schieben, das noch nicht ganz dorthin passte. Ihre Finger lösten sich langsam aus der gewohnten Spannung an ihrer Seite, bevor sie überhaupt bewusst entschieden hatte, sich zu bewegen. Für einen kurzen Moment stand sie einfach nur da, zwischen dem, was sie bisher gewesen war, und dem, was jetzt von ihr verlangt wurde. Dann machte sie einen Schritt nach vorn. Nicht hastig, nicht unsicher im Außen, aber mit einer Art innerer Vorsicht, die sich nicht ganz verbergen ließ. Der Boden unter ihr war feucht, nachgiebig, und jeder Schritt fühlte sich an, als könnte er mehr Bedeutung haben, als er eigentlich sollte. Sie zwang sich, nicht zurückzusehen. Nicht zu Ivar, nicht in den Wald, nicht zu dem Teil von ihr, der am liebsten einfach nur stehen geblieben wäre. Je näher sie dem Keiler kam, desto stärker wurde der Geruch. Warm, metallisch, erdig. Etwas in ihr reagierte darauf sofort, ein reflexartiges Ziehen im Magen, ein kurzer Impuls, sich abzuwenden. Mira schluckte ihn hinunter, nicht gewaltsam, eher wie etwas, das man zur Seite schiebt, weil man gerade keine Zeit hat, sich darum zu kümmern. Sie blieb neben Ivar stehen. Für einen Augenblick war da nichts als Nähe. Zu nah vielleicht. Sein Schweigen, das Tier, das noch immer atmete, die Spannung im Raum, die nicht ausgesprochen werden musste. Sie nahm alles wahr, aber sie ließ sich davon nicht aufhalten. Ihr Blick glitt kurz zu ihm, nicht suchend nach Hilfe, eher nach etwas, das sie verankern konnte. Ein Fixpunkt. Ein kurzer Moment von Orientierung. Mehr brauchte sie nicht. Dann kniete sie sich hin. Die Bewegung war nicht elegant. Eher vorsichtig tastend, als müsste ihr Körper erst prüfen, ob er dieser Situation überhaupt vertraute. Ihre Knie sanken in den feuchten Boden, und sie spürte sofort die Kälte durch den Stoff ihrer Kleidung ziehen. Für einen Moment hielt sie inne, die Hände halb erhoben, als würde sie sich selbst noch einmal daran erinnern müssen, dass sie es wirklich tat. Ihre Finger bewegten sich langsam zum Griff ihres Dolches. Nicht sofort greifend, sondern vorsichtig, beinahe respektvoll vor der Tatsache, dass dieser Moment nicht mehr rückgängig zu machen war. Der Griff fühlte sich vertraut an und gleichzeitig fremd, als hätte sie ihn bisher nur in einer Welt getragen, in der er keine wirkliche Bedeutung hatte. Sie zog die Klinge. Langsam zuerst, dann mit einem leichten Widerstand, der ihr mehr bewusst machte, als sie erwartet hatte. Das Metall löste sich aus der Scheide, und mit diesem kleinen Geräusch veränderte sich etwas in der Atmosphäre. Nicht sichtbar, aber spürbar. Mira hielt kurz inne, die Klinge in der Hand, als würde sie prüfen, ob sie sich wirklich dafür entschieden hatte. Vor ihr lag der Keiler. Groß, schwer, noch nicht ganz still. Sein Atem ging flach, unregelmäßig, und jeder dieser Züge erinnerte sie daran, dass es hier keine abstrakte Lektion war. Kein Gedanke. Kein Bild. Es war real, warm und unmittelbar. Ihre Hand spannte sich unwillkürlich an, nicht aus Unsicherheit allein, sondern aus dem Versuch heraus, Kontrolle über etwas zu behalten, das sich nicht kontrollieren ließ. Sie zwang ihre Schultern ruhig zu bleiben, zwang ihre Finger, nicht zu fliehen, nicht zu erstarren. Ein Atemzug. Dann noch einer. Sie wartete nicht darauf, dass sie bereit war. Sie begann einfach. Ihr Dolch grub sich mit einiges an Widerstand in das Fleisch rein, während sie den Keiler mit einem schnellen Stoß erlöste. So wie sie es gelernt hatte. Der erste Schnitt war nicht sauber, nicht sicher, nicht so, wie sie es vielleicht in Geschichten gesehen hätte oder in Gedanken als „richtig“ abgespeichert hatte. Es war ein tastender Anfang, roh und unbeholfen, aber eindeutig genug, dass er nicht ignoriert werden konnte. Das reichte. Mira hielt kurz inne, als würde sie in sich selbst hineinhorchen, ob etwas protestierte. Es tat es. Aber nicht laut genug, um sie zu stoppen. Also machte sie weiter. Diesmal gleichmäßiger. Nicht schneller, sondern bewusster. Ihre Bewegungen fanden langsam einen Rhythmus, nicht schön, nicht geübt, aber stabil genug, dass sie nicht mehr bei jedem Handgriff darüber nachdenken musste, ob sie es konnte. Der Rest der Welt trat dabei Stück für Stück zurück. Der Wald, der Himmel, Ivar hinter ihr, sogar der Gedanke an das, was sie vorher gewesen war. Alles wurde leiser, während sich ihr Fokus auf das reduzierte, was direkt vor ihr lag. Und Mira zwang sich, genau dort zu bleiben. Als sie schließlich kurz innehielt, waren ihre Hände bereits vom Blut benetzt, schwer und warm in einer Weise, an die sie sich nicht gewöhnen wollte, aber musste. Sie hob den Blick langsam, suchte Ivar zwischen den Schatten und dem dämmernden Licht. Ihr Gesicht war ruhig, aber angespannt, als würde sie jeden Moment damit rechnen, dass der Boden unter ihr wieder nachgibt. „Willst du mir helfen“, fragte sie leise, ihre Stimme rauer als zuvor, „oder weiter nur danebenstehen und zuschauen?“

