
Sie sah auf, als die junge Frau ein Geräusch hörte. Sie sah ihren Bruder, der sich vor ein Ziel stellte und mit Pfeil und Bogen übte. Ana wunderte sich kurz, warum er so spät noch Bogenschießen wollte. Wollte er auch den Kopf frei bekommen? Emotionen rauslassen? Oder wollte er einfach üben? Er beachtete sie nicht, als wäre sie nicht da und es störte sie auch nicht, dass sie nicht mehr alleine im Hof war, also sah sie wieder auf ihr Blatt und malte weiter. So langsam entstand auf dem Blatt ein Bild. Rory brach plötzlich das Schweigen und Ana blickte etwas überrascht auf. Sie hatte erwartet, dass er in Ruhe Bogenschießen wollte. Ohne zu reden. Auf seine Worte hin, fühlte sie wieder Wut in sich und offensichtlich hatten nicht nur sie die Worte ihres Vaters aufgeregt. Die beiden rothaarigen hatten nicht viele Gemeinsamkeiten und doch verband sie die enge Bindung, die sie zu ihrer Mutter gehabt hatten und die Trauer die sie empfanden. Ana nickte und verstand sehr gut wie es sich für ihn angefühlt haben musste. Sie hatte sich beinahe nicht kontrollieren können und hätte ihren Vater am liebsten angeschrien. Sie hatte sich zurückhalten können, doch nicht für sehr lange hatte sie befürchtet. Aus diesem Grund hatte sie lieber den Tisch verlassen, bevor sie etwas getan hätte, dass ihr Ärger gemacht hätte. Es machte sowieso keinen Sinn, mit ihrem Vater zu diskutieren. Er ließ sich von keinem etwas sagen und sicher nicht von seinen Kindern. Die rothaarige vermied also meistens, mit ihm zu diskutieren, weder wollte Ana sich aufregen, noch die Wut ihres Vaters zu spüren bekommen. Was sich nicht immer vermeiden ließ, war, dass die Prinzessin wütend wurde, vorallem wenn er so über ihre Mutter sprach.
"Ich weiß", antwortete sie und schwang den Bleistift in ihrer Hand etwas hin und her.
"Das ist nichts neues. Wann sagt er je etwas gutes über sie?" Wann sagte er je etwas gutes über irgendjemanden aus der Familie? Doch was er über sie sagte, war ihr egal. Es war ihr eigentlich egal, was irgendjemand über sie sagte. Bevor ihre Mutter an der Grippe gestorben war, hatte sie mehr Wert darauf gelegt, als erzogen und anständig angesehen zu werden. Man konnte schneller einen Ehemann finden, wenn man einen guten Ruf hatte. Doch heute war es für sie nicht so wichtig. Sie schätzte es, zu Malen oder zu Lesen und wollte neue Dinge sehen. Es war für sie nicht mehr so wichtig, schnell einen Ehemann zu finden, doch das sagte sie nicht laut. Was dürfte sie sich von ihrem Vater anhören, wenn er hörte, dass seine Tochter lieber las oder fremde Länder erkundete oder Bilder malte, statt sich darauf zu konzentrieren, einen wohlhabenden, angesehenen Ehemann zu finden? Er hatte genug mit Muirín zu tun, die sicher nicht so schnell heiraten wollte. Sie hatte wohl ein größeres Problem damit, heiraten zu müssen als sie. Doch es war für sie eben nicht das Wichtigste. Und sie hatte kein Problem damit, wenn ihr Vater nicht so schnell einen Ehemann für sie fand.
"Ich will nicht wissen, ob er weitergemacht hat, nachdem ich gegangen bin." Sie sah wieder auf ihr Bild und ihr Bleistift berührte es, doch sie malte nicht weiter.
"Es wäre mir am liebsten, wenn er seine Gedanken für sich behalten würde." Sie konnte die Wut aus ihrer Stimme nicht fern halten als sie sprach.