10-04-2024, 13:22 - Wörter:
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 01-09-2025, 15:48 von Naila Castellanos.)
Salt in our Lungs
We see everything. That is our curse.

Ruhig, fast beruhigend strichen Nailas Hände über das Holz der Reling, während sie dem Rauschen der Wellen und dem geschäftigen Treiben auf Deck lauschte. Ob es nun dem Ausblenden aller anderen Sinne oder ihrer angeborenen Aufmerksamkeit geschuldet war, filterte sie schnell die schweren Schritte heraus und tippte richtig, als sie ihre Augen wieder öffnete und einen Blick über ihre Schulter warf. Ilyas. Ein leichtes, freundliches Lächeln zierte ihre Lippen. Natürlich. Seit der letzten Reise hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, ihn erst an seinem Auftreten, dann an seinem Gang und zuletzt an der Textur seiner Schritte zu erkennen. Ganz zu schweigen von der Stimme, die sie vermutlich unter Hunderten unterscheiden konnte. „Guten Tag, Ilyas“, begrüßte sie ihren Begleiter, ihre Haltung bereits so ausgelegt, dass er ohne Probleme Platz neben ihr an der Reling nehmen konnte. Ihr Blick lag noch immer auf ihm, während sie sein Erscheinungsbild neugierig aufnahm – fast so, als würde sie sich seines Wohlergehens versichern wollen. „Ich hoffe, die Reise bekommt dir. Wir hätten uns kein besseres Wetter von Heofader wünschen können.“ Mit ehrlichen, gut gelaunten Worten voran richtete sich ihr Braun wieder in die Ferne, in das ewige Nichts aus Meer und Himmel. Kaum vorstellbar, dass jede See ein Ende hatte, wenn man sich die schiere Größe und Wucht der Wassermassen besah. Ob man wirklich jemals den Horizont erreichen konnte, nur um dann von der Welt hinabzufallen? Welche Kreaturen verbargen sich in den unerforschten, wilden Gebieten, wenn kein Mann es jemals gewagt hatte, so weit zu segeln – oder besagte Männer einfach nicht mehr zurückgekommen waren, um zu berichten?
Solche Fragen waren eine angenehme Abwechslung zu solchen, die sich Naila täglich stellte, und für einen Moment verschwand die Leichtigkeit aus ihrem Gesicht. Unbewusst strich sie mit dem Daumen über eine Stelle des Holzes, das besonders rau war und vermutlich bald splittern würde. Es brauchte seine Zeit und eine gewisse Überwindung Nailas, bis sie sich noch einmal zu Wort meldete und die höflichen, oberflächlichen Floskeln gegen ein Thema tauschte, das ihr auf dem Herzen lag. Eines, das sie nur mit Ilyas besprechen konnte, jetzt, wo sie mehr oder minder gegenseitig auf ihre Gesellschaft angewiesen waren. „…darf ich dir eine Frage stellen?“ Jederzeit konnte er Nein sagen und sie ausschließen. Wie jeder andere im Palast könnte er ihr Informationen verweigern und sie außen vor lassen, obwohl sie schon längst erwachsen genug war, um zu verstehen, dass ihr Land krank war. Dass ihre Familie kurz davor stand, sich selbst zu sabotieren und ihr Volk zwangsläufig mit in den Abgrund zu reißen. Wenn man ihr nicht vertraute, als Frau und Tochter, dann waren ihr allerdings auch die Hände gebunden. Hier an Deck fühlte sich Freiheit anders an als in ihrem trauten, sicheren Zuhause mit den hohen Mauern, die nicht nur Gefahren von außen abschirmten, sondern die Insassen auch in dem falschen Glauben ließen, dort draußen wäre die Welt in Ordnung. Vielleicht verstand Ilyas, dass man ihr nicht alle Informationen vorenthalten sollte. „Was wird mit den Männern geschehen, denen mein Vater befohlen hat, sich den Streitkräften des Großkönigs anzuschließen?“
