11-04-2024, 15:08 - Wörter:

A propos kleiner Junge. Wo steckte eigentlich Lester, hm?
„Fest zugepackt habe ich, direkt das Geweih.“ Große Augen starrten auf die Hände, die sich zu Fäusten ballten und den Griff demonstrierten. „Die Hirsche in unseren Wäldern sind stark und territorial. Aber wenn du dich behauptest, lassen sie dich ziehen.“ Fünfjährige Kinder wie Edgar träumten gerne davon, groß und stark zu sein, doch ehe sie das Alter erreicht hatten, tatsächlich solche Dummheiten zu begehen, hatten sie im Idealfall schon die kindliche Fantasie hinter sich gelassen. Mit anderen Worten: Edgar würde nicht mir nichts, dir nichts einem Hirsch entgegentreten und ihn herausfordern. Er war kein Winterländer. Er war nicht Leif.
Die großen Augen kullerten rüber zu einer kleinen Figur, die sich zu Freda gesellt hatte, und auch Leif wurde aufmerksam. Ein breites Lächeln zog sich durch den frisch gestutzten Bart, während er sich auf der gepolsterten Bank zurücklehnte und seinen Arm über der Lehne ausbreitete. Ein ehrliches Lächeln – Leif freute sich immer, Lester zu sehen. Zwar trugen sie beide den gleichen Titel, aber für den Kronprinzen von Norsteading war sein Neffe noch meilenweit von dem Bild entfernt, was man sich unter einem König vorstellte. Allerdings sah er schon jetzt ein deutliches Stück von Charles in dem Jungen, zum Guten wie zum Schlechten, seiner Meinung nach. Vielleicht bewies er in Zukunft ja mehr Rückgrad als sein Vater.
„Guten Tag, Lester. Freda hat mir erzählt, dass du meine Hilfe brauchst?“ Dem Blick der Blonden nach zu urteilen war das so nicht abgesprochen gewesen, aber Leif zuckte nur mit den Schultern. Warum ausgerechnet in der Familie um den Brei herumreden. Wenn Lester etwas von ihm wollte, dann sollte er es nur sagen. Sogar die Brotkrumen hatte er ihm hingeworfen; der Junge brauchte sie nur nehmen.
