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Im Auge des Sturms

FACING
THE
STORM

Tritt ein in eine düstere Welt aus Macht, Verrat und alten Schwüren.

Thema

The Lion and the Serpent

Baumstrukturmodus
Szeneninformationen
Szeneneinstellung
feste Postreihenfolge
Datum
06. November 1016
Ort
Arbeitszimmer im Anwesen der Neshats
Tageszeit
22:00
#11
“Emanzipation”
, wiederholte Keeran, ohne eine Wertung in das Wort zu legen. Eine Lösung für welches Problem? Wie sie beide wussten, spielte die gesellschaftlich untergeordnete Rolle einer Frau in der Arbeiterklasse kaum eine Rolle, dem Umstand geschuldet, dass Armut die Verfügbarkeit von zwei Paar schuftenden Händen notwendig machte, statt nur einem Paar. Nicht arbeiten zu müssen war ein Privileg - als Frau in den eigenen vier Wänden eingesperrt zu sein und von dem Einkommen des Mannes zu leben, zählte in der oberen Schicht fast zum Statussymbol. Warum arbeiten, wenn man es sich gut gehen lassen konnte? Je reicher der Mann, desto seltener musste die Frau einen Fuß vor die Tür setzen oder sich um die eigenen Kinder kümmern. Wer wollte also Emanzipation? Die Arbeiter-Frauen, die sowieso schon Hand anlegten, während ihre Männer im Krieg für ein fremdes Land kämpften? Oder die Frauen der Oberschicht, die als Beiprodukt der Gleichwertigkeit wieder einen Finger rühren mussten?
Aber Keeran lehnte den Vorschlag nicht ab, im Gegenteil. Sein Gesicht zuckte in Gleichgültigkeit und mildem Interesse, als er mit der Handfläche zwischen sie beide deutete und Tariq ermutigte, zu erläutern. Sein Weinglas mit sich nehmend, lehnte er sich in seinem Sitz zurück und beobachtete, lauschte. Achtete automatisch auf die kleinen Regungen, während sein Gegenüber sprach und Ideen sponn. Im Gegensatz zu Tariq blieb er sitzen, entspannt zurück gelehnt und dem Mann nur mit seinem Blick folgend, in dem sich ein kaum merklicher, wacher Glanz festgesetzt hatte. Hm, warum wusste er, dass eine andere Person in ihrem Umfeld diese Idee nur zu gerne hören würde…

Der Händler antwortete nicht sofort, sondern prägte sich das Bild eines begeisterten Tariqs noch ein wenig länger ein, geistesabwesend sein Glas zwischen den beringten Fingern drehend. Es dauerte etwa zwei bewusst gewählte Atemzüge, bis er endlich reagierte.
“Ich erkenne dich kaum noch wieder. Man könnte fast meinen, dir liege Volkspolitik am Herzen, so wie du dich für die Bürger stark machst.”
In seiner Stimme lag der Hauch von Amüsement, der Ironie geschuldet, die Worte ausgerechnet von Tariq zu hören. Safiyah, ja. Hafiz mit seinen überschwänglichen Reden, sicher, wenn auch weniger wortgewandt. Ilyas, idealistisch, wie er war und von einer besseren Welt träumte, würde Tariq aus der Hand fressen. Doch Keeran hatte zu viel Zeit an der Spitze verbracht, dass er Träume von Realität unterscheiden konnte… und die Umsetzung dieser Idee war sicher nicht so einfach, wie manch einer sich das vorstellte.
“Zwei Dinge gibt es zu bedenken”
, begann er.
“Nummer eins: Yasirah muss die Rolle einer Aktivistin spielen können. Sie muss bereit sein, sich ins Volk zu begeben und die Hände schmutzig zu machen. Sonst ist sie bestenfalls nutzlos als Aktivistenfigur und im schlechtesten Fall schürt es die Wut des Volkes auf die Krone, weil ihr falsches Spiel abfärbt.”
Keeran löste zwei Finger von seinem Glas.
“Es ist schwierig, einen liberalen König und eine aktivistische, ehemalige Königin vor dem Adel zu verteidigen. Auch wenn die anderen das radikaler sehen, du weißt, dass wir den Rückhalt der Oberschicht brauchen, bis wir Samirs Position stabilisieren. Ohne sie laufen wir Gefahr, die Macht zu verlieren, die wir uns so mühevoll aufgebaut haben.”
Über Leichen waren sie gegangen. Sie alle hatten viele Ressourcen in ihnen Plan investiert, nur um jetzt hier zu sitzen und ihrem Ziel so nahe zu sein, es aber noch nicht gänzlich greifen zu können. Im Königsrat saßen immer noch Männer, die sich misstrauisch äußerten, mit zu viel Macht, um sie einfach auszutauschen. Gerade sie beide, Tariq und Keeran, machten sich nichts vor, zuzugeben, dass sie selbst nur kleine Fische im großen, politischen Teich waren und schnell am unteren Ende der Nahrungskette landen konnten, wenn sie nicht aufpassten.
Den Blick kurz in Richtung eines der Fenster gerichtet, trommelten Keerans Fingerkuppen leicht gegen das Glas.
“Ich kann meine Beziehungen spielen lassen, um die Unzufriedenheit gering zu halten… Aber wir müssen mit Vorsicht an die Sache gehen. Mit Geduld. Mal ganz davon abgesehen, dass du viel Überzeugungsarbeit leisten musst, damit Safiyyah und Hafiz nicht mehr darauf bestehen, ihren Kopf rollen zu sehen.”
Rachegedanken waren mächtig, vor allem, wenn man sie jahrelang geschürt hatte. Sie machten auch blind und kurzsichtig, wie Keeran einräumte, aber er selbst war sich bewusst, dass er ein wenig Brennstoff ins Feuer gekippt hatte. Mit von Rache getriebenen Individuen ließ sich nunmal auch sehr viel in kurzer Zeit erreichen.
Während Tariq sich die Größe des Raumes zu nutzen machte, blieb Keeran sitzen und hob den Wein erneut an seine Lippen. Wieder lag sein Blick auf dem Jüngeren.
“Was versprichst du dir von dem wirtschaftlichen Aufschwung, den du beschreibst?”
Wie sie beide wussten, war Keeran deutlich näher an den Geldquellen dran, die aus solchen Plänen resultierten. Mutig, wenn Tariq davon ausging, dass er aus Nächstenliebe teilen würde.
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#12
Tariq neigte ein wenig den Kopf und runzelte dann die Stirn, während er den Freund – wenn er denn einer war! – nachdenklich musterte. Er fragte sich wirklich, ob Keeran das hier ernst nahm. Ob er ihn ernst nahm. Oder ob er für Keeran wie ein Schuljunge war, der noch angelernt und erzogen werden musste. Oder war er es, der sich so weit unter den Älteren stellte, dass er das Gefühl hatte, nicht einmal die Sohlen seiner Stiefel von dem Punkt aus zu erreichen, an dem er sich befand?
Er wusste es nicht. Tariq fühlte sich von Keerans Ruhe öfters eingeschüchtert. Nichts, dass er offen zugeben würde, aber die ruhige Stabilität des älteren Mannes beunruhigte ihn. Neshat ließ sich nicht in die Karten schauen. Wenn er überhaupt mal was preisgab, und das war selten genug, dann hatte Tariq eher das Gefühl, dass es nur sehr bewusst geteilte Informationen waren, die dem Mann am Ende auch nicht negativ würden ausgelegt werden können.
Der spitzfindige Kommentar machte es dabei nicht besser und aus irgendeinem Grund fühlte Tariq sich unglaublich angegriffen. Der fein platzierte Spott sorgte dafür, dass seine Ohren warm wurden und er sich insgeheim fragen musste, wie genau Keeran darauf kam, dass ihm die Leute egal waren. So ganz vollständig war das vermutlich wirklich nicht so. Aber im Grunde arbeitete auch Tariq sich einfach nur in die eigene Tasche. Und ob dabei jemand zu Schaden kam, war ihm reichlich egal. Dennoch traf der Satz. Ob es nun der Spott war oder der Umstand, dass Tariq Keeran nicht über den Weg traute, wusste er allerdings auch nicht zu sagen.
Stattdessen überging er das initiale Gefühle und konzentrierte sich auf das, was Keeran bezüglich Yasirah zu sagen hatte. Er hatte gerade den Mund öffnen wollen, um zu antworten, als sich hinter ihnen die Tür zu Keerans Arbeitszimmer aufschob und die Präsenz einer weiteren Person den Raum erfüllte. Tariq drehte nur halb den Kopf und hätte fast geseufzt, als ihm aufging, dass es sich um den Gast nur um eine einzige Person handeln konnte.
Aber da schob sich Vanja bereits an ihm vorbei und stellte ein Tablett mit Tee und Süßspeisen auf Keerans Schreibtisch ab, ehe sie beide Männer mit einem ruhigen aber durchdringenden Blick musterte.
«Ihr beiden werdet Yasirah doch ohnehin nicht dazu bekommen, dass sie mit euch mitarbeitet», eröffnete sie kurzerhand das Wort an die beiden Verschwörer, als hätte sie jedes Recht hier zu sprechen. Bei Tariq kam ihre Einmischung alles andere als gut an. Eine Frau hatte sich aus den Angelegenheiten der Männer herauszuhalten und zu tun, was man ihr sagte. Für Vanja Neshat hingegen schienen diese Regeln nicht zu gelten. Sie tat, was sie wollte, wenn sie es wollte und ein Teil von Tariq war sich absolut sicher, dass Keeran genau das mochte. Warum nahm man sich eine Frau, die man nicht bändigen konnte? Oder züchtigte er sie etwa im Schlafzimmer so hart, das all das hier abgekartetes Spiel war? Über die Beziehung der beiden wusste er nichts. Auch jetzt schienen sie nicht wirklich die Nähe zueinander zu suchen und Vanjas durchdringender Blick lag mehr auf ihm als auf ihrem Mann.
«Ich weiß, was du denkst.»
Ihre Stimme sorgte dafür, dass er den Blick zu ihr hob und sie fragend ansah.
«Aber was Yasirah angeht, sind euch als Männer die Hände gebunden. Mein Vorschlag ist – gebt ihr ein wenig Freiheit. Lasst sie aus dem Loch holen, in dem ihr sie zweifelsohne gerade verwahren werdet und gebt ihr die Illusion von Rechten. Und dann bringt ihr sie hier her. Ein wenig ehrliche Arbeit wird ihr gut tun. Ich bin mir sicher, unsere Diener werden ihr schon Benehmen beibringen, wenn sie nicht spurt.»
«Du willst die Königin hier als Sklavin arbeiten lassen?»
«Natürlich»
, hob Vanja die Schultern. «Sie ist nicht mehr die Königin. Sie ist die Witwe eines verstorbenen Despoten, dessen Namen man lieber schnell vergessen möchte. Wenn ihr sie jetzt auf die Straße schickt und die Leute erkennen sie, dann wird sie gelyncht, bevor ihr irgendwas dagegen tun könnt.» Sie nahm einen Schluck von ihrem Tee und hob die schmalen Schultern ein wenig an. «Wenn sie hingegen eine Weile hier gearbeitet hat und man die Spuren der harten Arbeit sieht, dann wird sie vielleicht ein wenig demütiger sein.»
«Oder in Selbstmitleid zergehen, Vanja», gab Tariq trocken zurück.
«Nun», Vanja stellte die Tasse ab und ein gleichgültiges, schmales Lächeln zupfte an den Lippen in ihrem hübschen Gesicht. «In dem Fall sind meine Peitsche und ich schnell bei der Sache. Sie wird ihren Platz schon finden.»
Tariq konnte regelrecht spüren, wie ihm eine Gänsehaut in den Nacken krabbelte und er unterdrückte nur mit viel Mühe ein Erbeben seines ganzen Körpers. Die Frau erinnerte ihn mehr an ein jagendes Raubtier als an einen Menschen mit Gefühlen. Und er musste das wissen. Diesen Gesichtsausdruck, diese Körperhaltung - die kannte er. Er transportierte diesen Eindruck selbst, wenn er etwas wollte und seinen Willen durchsetzte. Vanja Neshat war damit kein Einzelfall.
«Ich würde dir gerne widersprechen», begann er also nach einer Weile der Stille zwischen ihnen, «aber die Idee hat was.»
«Natürlich»
, schnaubte sie. «Sie kommt ja auch von einer Frau.»

Darüber, wie gut die Ideen von Frauen war, mochte man streiten können, fand Tariq. Aber der Umstand, dass Vanja sich so dreist in ihre Unterhaltung einmischte ließ in ihm die Frage aufkommen, ob sie noch mehr tat als das, was er jetzt beobachtete. Sprach Keeran mit ihr? Holte er sich Rat? Oder mischte sie sich einfach ein? Manipulierte sie ihren Ehemann? Und überhaupt... sie konnte mit einer Peitsche umgehen?
Nur aus den Augenwinkeln versuchte er sie zu mustern, kam aber nicht umhin, sie direkt anzuschauen. Vanja Neshat mit ihrem schönen Gesicht und den dunklen Augen, immer perfekt frisiert, geschminkt und gekleidet, war eine zierliche und schöne Frau, der man keine Grobheiten unterstellen würde. Sie ergänzte Keeran in vielerlei Hinsicht und wertete ihn schon durch die eigene Optik erheblich auf, wann immer die beiden zusammen auftraten. Vanja war bildhübsch. Sie wusste, wie sie sich zu präsentieren hatte und jetzt hatte Tariq auch noch die Information über sie bekommen, dass sie offenbar zu diversen Grausamkeiten neigte.
Der Gedanke daran, wie die zierliche Frau eine Peitsche schwang, um jemand anders als sich damit zu treffen, amüsierte ihn auch nur fast so sehr, dass er sich gerade noch so im Griff hatte. Er lachte natürlich nicht über den Gedanken. Er wollte nicht herausfinden, wie Keeran reagierte – oder Vanja selbst – wenn er die Grenzen der Gastfreundschaft zu sehr ausreizte.
Also hob er schlicht ein wenig die Schultern, ließ sie kurz kreisen und richtete sich dann ein wenig auf.
«Ich verspreche mir in erster Linie Stabilität. Und natürlich auch, dass meine Position sich festigt. Das ist nun auch nichts Neues.»
Und klang bescheiden genug um nicht durchscheinen zu lassen, dass er die vollständige Kontrolle wollte. Über das Land. Über Samir. Über die Regierung. Dass er wollte, dass Keeran das Knie vor ihm beugte. Dass die Amra begriffen, dass er es war, der die Spitze der Nahrungskette anführte. Aber er hatte jetzt keine Zeit, sich in den eigenen Machtfantasien zu ergehen.
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#13
Vanja war die Art von Frau, die einen Platz ausfüllte, ohne ein Wort von sich geben zu müssen. In stillem Verlangen nach Aufmerksamkeit bewegte sie sich nicht durch den Negativraum und passte sich an wie andere Frauen; sie erwartete, dass der Raum sich für sie bewegte. Es war nicht allein ihre Schönheit, denn viele Frauen waren schön anzusehen und kommandierten doch nicht die Aufmerksamkeit zweier Männer allein durch ihr Auftreten - nein, es war ihr präzises Kalkül für den richtigen Zeitpunkt und den richtig angeschlagenen Ton in ihrem Schritt, wie sie durch die Tür flanierte und die Zweisamkeit, die Vertraulichkeit der Männer absichtlich durchschnitt. Wie auch Tariq es tat, lag Keerans Blick auf seiner Frau und folgte ihr, wie sie das Tablett auf den Tisch stellte, die Konzentration zerstoben in alle Richtungen wie Myrrhe, wenn man das Fenster offen ließ.

Man sah ihm nicht an, dass er sich vorstellte, wie sich seine Hände langsam um ihren schlanken Hals legten und drückten.

Aber er ließ sie reden. Er bedankte sich weder für den Tee und die süßen Speisen, noch fuhr er ihr dazwischen, warum auch. Ihre Aufmerksamkeit lag ohnehin auf ihrem Gast, der sich zunehmend unwohl zu fühlen schien, mit ihr zu reden. Sicher spielte das einen gewichtigen Teil bei Vanjas Entscheidung, ungefragt reinzuplatzen, obwohl sie genau wusste, dass Keeran gerne mit ihm allein gewesen wäre. Eine kleine Prise Überraschung. Ein Hauch von Widerwillen, ihr zuzuhören und Respekt zu zollen. Die perfekte Mischung, jemanden zum Denken zu bewegen, sich nicht zurückzulehnen und in den eigenen grandiosen Zukunftsplänen auszuruhen. Den besten, bleibenden Eindruck hinterließ man schließlich, wenn der Gegenüber am wenigsten darauf vorbereitet war.
In einer gewohnten Bewegung streckte Keerans seine Hand aus und legte sie auf Vanjas Hüfte, nicht mehr als ein Zeichen, dass sie zu ihm gehörte und sie zusammen agierten. In Anwesenheit von konventionellen Geschäftspartnern war es oft eine Strategie, sie ihm unterzuordnen, Verständnis und Gewohnheit in ihren kleinen, bemitleidenswerten Köpfen auslösten, weil sie es bei sich zu Hause nicht anders handhaben. So sehr er die Meinung seiner Frau auch schätzte, er würde in gesellschaftlichen Situationen immer eine ruhige Dominanz auf sie ausüben und ihr eine metaphorische Leine anlegen.

Dass er sie reden ließ, hatte zwei Gründe. Erstens, er gewährte ihr dieses Spiel mit Tariq, zugegeben fand er es selbst interessant, wie der Jüngere auf sie reagierte und sich ihr gegenüber rechtfertigte. Wie sich seine Mimik veränderte und anspannte, wie er mit ihr ins Gespräch, in die Diskussion ging und sogar einsah, dass sie gute Einwände hatte, was ihn doch erstaunlich zu überraschen schien. Vor allem aber wollte Keeran selbst wissen, was sie zu sagen hatte. Er hätte es zwar bevorzugt, wenn sie mit ihm später allein ins Gespräch gegangen wäre, aber wer wäre Keeran, wenn er sich nicht an die Gegebenheiten anpassen und eben das Beste draus machen würde. Den Blick auf Tariq gerichtet, nippte er an seinem Wein und stellte ihn schließlich ab, die Augenbrauen für einen winzigen Moment erwartend, und vielleicht selbst überrascht über die Idee seiner Frau, in die Höhe gezogen. Sicher machte er sich seine eigenen Gedanken. Die brüske Anschuldigung, sie würden ja keine guten Ideen für die Zukunft einer gestürzten Königin finden, zog selbst ein schmales Lächeln über seine Lippen. Vermutlich hatte sie recht. Vielleicht wären alle Männer besser daran, ihren Frauen mehr Stimme zu geben und das Potential von einer Partnerschaft besser auszunutzen. Jemand, der seiner eigenen Frau aber schon viel Stimme gab, wusste auch, dass sie mit ihrem Auftreten nicht nur ihre Ideen auf den Tisch legen wollte, denn das hätte sie auch bei ihm alleine gekonnt. Nein, das hier war natürlich ein Spiel, um Tariqs Reaktion zu provozieren, eventuell auch einfach eine kleine Genugtuung. Wenn sie im gleichen Zug auch noch ihren Ehemann dazu trieb, seine gesellschaftliche Position über ihr deutlich machen zu müssen, war das reines Kalkül für später, hinter geschlossenen Türen.

Keerans Hand strich über ihre Hüfte nach unten und streifte beiläufig ihr Gesäß.
“Was habe ich doch für ein Glück, so eine intelligente Frau an meiner Seite zu haben, hm?”
, galten seine Worte hingegen Tariq, den er mit einem leichten Lächeln bedachte, das aber nicht seine Augen erreichte. Ein paar Herzschläge lang, bis er sich schließlich seiner Frau zuwandte.
“Vanja, Liebes. Interessanter Ansatz, aber es ist schon spät.”
Er sagte auch das mit einem Lächeln, doch die Nonchalance war aus seiner Stimme verschwunden. Mehr als eine einfache Bemerkung, wandelte sein Ton einen schmalen Grat zu einer deutlichen Aufforderung, die im nächsten Zug an einen Befehl grenzen würde, wenn sie nicht verstehen wollte. Und er wartete. Solange, wie sie brauchte, sich damit abzufinden, dass sie nicht Teil des Gesprächs sein würde und schließlich den Raum mit leeren Händen wieder verließ, den Blick ihres Ehemannes so lange im Rücken, bis ihre Kehrseite durch den Türbogen verschwand.
“Mach die Tür hinter ihr zu.”

Ruhig und unangerührt stand das Weinglas auf dem Obsidiantisch, während Keeran ein paar Sekunden in der Stille vergehen ließ, den Blick nachdenklich nach draußen gerichtet, während er seine Gedanken ordnete.
“Ich glaube nicht, dass wir heute zu einer Lösung kommen”
, verkündete er schließlich, einen Atemzug später, als er nach vorne griff und sich an den getrockneten Feigen bediente, ohne sie hingegen zu essen. Getrieben durch die Anwesenheit von Vanja - denn ebenso hatte sie die Eigenart, ein Echo zu hinterlassen, wo auch immer sie gewesen war -, stand er schließlich auf und bewegte sich auf die Fensterfront zu. Mit Nachdruck schloss er das eine, das bis dato noch einen Spalt breit geöffnet war, um frische Luft reinzulassen.
“Aber sie hat recht. Wenn wir Yasirah auf die Straße lassen, wird man sie hinrichten und auf ihrer Leiche tanzen.”
Bestimmt zog er die schweren Vorhänge zu, dunkelroter, blickdichter Stoff importiert aus Farynn.
“Wir sollten uns das durch den Kopf gehen lassen. Sie muss nicht bei uns unterkommen, auch wenn wir hier mehr Kontrolle darüber hätten, wie sie sich… entwickelt.”
Wie ein Hund, dem man Benehmen beibringen musste. Keeran hielt nicht viel von diesem Teil der Idee, ihm war die Vorstellung von Züchtigung und körperlicher Bestrafung recht egal. Er begrüßte es auch nicht, wenn das Zentrum der Aufmerksamkeit auf seinem Haus lag, wie Geschäftspartner und andere Bekanntschaften ein und ausgingen. Es wäre aber eventuell die einzige Möglichkeit, Safiyah und Hafiz die Rachegedanken auszureden.
Nichtsdestotrotz war es eine Entscheidung, die man nicht einfach so an einem Abend treffen konnte. Wenn überhaupt, dann brauchte es Vorbereitung, die anderen sechs von ihrem Vorhaben zu überzeugen, und dafür mussten Tariq und er an einem Strang ziehen; waren nicht sie es, die sich den Amra Alzili nur angeschlossen hatten, weil sie ihre eigene Agenda verfolgten? Keeran schenkte seinem Kollegen im Stehen den warmen Tee ein und reichte ihm die Tasse, bevor er sich selbst bediente und an seiner eigenen Tasse nippte.
“Ich bin ehrlich mit dir”
, begann er schließlich, Ernsthaftigkeit und genau das richtige Maß on Aufrichtigkeit in der Stimme.
“Wir sollten zusammen arbeiten, wenn wir etwas im Rat erreichen wollen. Denn wir wollen das Gleiche. Stabilität.
Geld, Macht, höher hinaus; sie beide wussten, wovon sie sprachen, ohne es offen zu erwähnen. Zwei Gleichgesinnte, die von einer Partnerschaft profitieren würden - zumindest für eine Weile.
“Hafiz, Safiyah und Devan ziehen auch am gleichen Strang. Wir hatten lange ein gemeinsames Ziel, aber jetzt, wo wir es erreicht haben, bröckelt die Einheit der Amra Alzili.”
Man sagte Keeran oft nach, dass sein Blick zu intensiv war, andere unsicher machte mit seiner Angewohnheit, durch die Augen anderer hindurch zu blicken. Auch wenn seine Stimme ruhig war, konnte man ihm die beunruhigende Intensität eines Mannes nicht absprechen, der die Intentionen von Menschen las wie ein Kartenblatt mit offener Hand, ob sie wollten oder nicht.
“Wenn wir unsere Interessen nicht vertreten, machen sie das kaputt, was wir uns aufgebaut haben. Mit ihren kleinbürgerlichen Idealen. Ich weiß, dass du größer denkst als sie, deswegen sage ich dir von Mann zu Mann: Es liegt an uns, dass wir an der Spitze nicht nur überleben, sondern noch höher greifen können.”
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#14
Vanja Neshat war keine Frau von Gleichmut. Jede ihrer Handlungen war genau durchdacht, klug platziert und führte am Ende zu einem größeren Ziel. Sie war gut darin, sich zu koordinieren und in verschiedene Richtungen gleichzeitig zu denken und was das anging, stand sie ihrem Ehemann in nichts nach. Was als simple Verpflichtung begonnen hatte, war längst zu einer gut funktionierenden Ehe geworden, in der Zahnräder gut geölt ineinandergriffen und eine Maschinerie am Laufen hielten, von der weder sie noch Keeran hätten träumen können. Vanja Neshat wusste, was das Leben ihr geschenkt hatte. Und sie sah gar nicht ein, auch nur ein Stück davon wieder herzugeben.
Sie war reich. Reich in einem armen Land. Sie hatte Einfluss. Und das als Frau. Und in diesem Fall hatte sie auch Macht. Vor allem über ihren Ehemann, der sicherlich wusste, was er später noch mit ihr tun würde, weil sie sich diesen Faux-Pas erlaubt hatte. Dennoch wandte sie sich einfach zu ihm um, um ihn einen Moment lang anzuschauen und dann schwer zu seufzen. Nein. Nicht schwer. Aber für ihn gut hörbar. Sie verzichtete darauf, ihn zu bitten, sich noch all zu lang Zeit zu lassen. Auch sie wollte mit ihm feiern und es gefiel ihr nicht, dass sie seine Aufmerksamkeit mit dem Mann teilen musste, der ihm gerade gegenüber saß. Allgemein war Tariq im Grunde niemand, den sie besonders gerne in ihrem Haus hatte. Sie zog e svor, diesen Mann weit von sich weg zu wissen.
«Du hast Recht», entgegnete sie also. «Es ist spät. Tariq», sie nickte Keerans Gast knapp zu, der sich nun schon aus Höflichkeit ihr gegenüber erhob, als sie hoch aufgerichtet den Raum wieder verließ und mit eleganten Schritten um die Ecke verschwand, während Tariq braver Schoßhund der er doch war, die Tür hinter ihr schloss.

Der Schwarzhaarige war durchaus darüber gestolpert, dass er so bereitwillig diesen Befehl befolgt hatte. Bei der großen Mutter... wusste Vanja Neshat nicht, wie man Türen schloss? Wie man sie öffnete und ungefragt hereinkam jedenfalls wusste sie sehr wohl. Doch Tariq war nicht so dumm, sich dahingehend jetzt bei Keeran zu äußern.
Stattdessen beobachtete er die Rückansicht des Freundes ein wenig nachdenklich und seufzte dann.
«Im ersten Schritt hole ich sie aus diesem Loch, in dem sie aktuell vor sich hin versauert. Ein paar Annehmlichkeiten und dann ist sie vielleicht eher bereit, mit uns zu arbeiten.»
Auch wenn ein Teil von ihm das immer noch bezweifelte. Fast wäre er diesen Gedanken verfallen, hätte Keeran nicht weitergesprochen und so dafür gesorgt, das Tariqs Gedanken einen neuen Fokus bekamen.
Seine Augen weiteten sich überrascht. Für den Moment wusste er nicht mit Sicherheit, ob Keeran ihn prüfen wollte. Ob das hier ein Scherz war. Denn was er sagte klang so sehr nach Verrat an den anderen Amra Alzili, dass Tariqs Herz im ersten Schritt einen begeisterten Hüpfer machte.
Keeran stellte ihm Macht in Aussicht. Und der al-Fawahir war durchaus bereit, nach dieser Macht zu fassen.
«Dann ziehen wir an einem Strang», gab er zurück und ein unheilvolles Lächeln zeichnete sich auf seine Lippen und hüllten das schöne Gesicht im Halbdunkel in harte Schatten. «Du und ich. Gemeinsam.»
Sie würden zu einer neuen Führungsspitze werden. Zu einer Weltmacht. Und niemand, wirklich niemand, würde ihnen das Wasser reichen können.
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