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14-06-2025, 15:38 - Wörter:
Das Pferd unter ihm schnaubte gedämpft, als spürte es, dass selbst der Atem hier zu laut war. Um sie lag die Welt wie unter einem Bann – eingefroren in grauer Stille, die selbst das Licht verschluckte. Der Himmel hing schwer und tief, und erste Schneeflocken begannen zu fallen: lautlos, wie Asche eines längst vergangenen Feuers. Kein Wind, kein Laut – nur dieses langsame, kalte Rieseln, das die Erde zudeckte wie ein Tuch einen Leichnam.
Asgrim spürte, wie sich die unsichtbare Schlinge um seine Brust fester zog, als er die ersten Häuser des kleinen Dorfes passierte. Rabenrast – kaum mehr als ein Schatten auf der kalten Karte Norsteadings, kaum der Rede wert. Und doch lag auf diesem Ort ein Gewicht, das ihn niederdrückte, als würde die bloße Nähe eine alte Schuld auf seine Schultern legen – eine, die selbst das endlose Meer nicht hatte fortspülen können.
Er hatte überlegt, das Dorf zu umreiten. Einfach weiterzureiten, wie so oft zuvor. Doch das hätte nichts gelöst. Es hätte den Druck nicht genommen, nur vertagt. Und es wäre nichts weiter gewesen als ein weiterer Schritt in der langen Kette seiner Fluchten – weg von einem Versprechen, das er ihr einst gegeben und gebrochen hatte.
Es bestand die Möglichkeit, dass sie längst nicht mehr hier lebte. Zehn Jahre – eine Ewigkeit, in der man weiterzog, weiterlebte. Wieso hätte sie es auch nicht tun sollen? So wie auch er weitergegangen war, Schritt um Schritt, in eine Freiheit, die sich nicht immer wie Freiheit angefühlt hatte.
Der Schnee fiel leise und stetig, schmolz auf seinem Mantel. Die Häuser von Rabenrast schwiegen, niedrig und grau, die Dächer schwer von Weiß, als drücke der Winter selbst auf sie herab.
Ein alter Brunnen stand noch dort, wo er ihn in Erinnerung hatte – windschief, mit einem zerbeulten Eimer. Und daneben: die Linde. Verkrüppelt inzwischen, ihre Äste vom Wind gezeichnet, aber noch lebendig. Er hielt an. Stieg nicht ab. Sah nur hin. Die Linde trug keine Blätter mehr, nur den Schnee. Und doch schien es, als stünde ihr Schatten noch da – wie ein Abdruck, der nicht vergeht. Ob sie auf ihn gewartet hatte? Hatte sie ihn verflucht? Oder – schlimmer noch – hatte sie ihn vergessen?
Asgrim wandte den Blick ab, als er Schritte vernahm. Ein Junge, kaum älter als neun Winter, überquerte eilig den verschneiten Platz, umrundete den Brunnen und zog ein kleineres Mädchen hinter sich her – die grobe Wolle ihrer Mäntel wehte im kalten Wind, Schneeflocken klebten an ihren Schultern.
Der Junge blieb kurz stehen. Flachsblondes Haar fiel ihm wild in die Stirn, als er sich umdrehte. Ein Blick traf Asgrim – direkt, forsch, und doch zögerlich. In den blassblauen Augen lag ein Funke Trotz, vielleicht Unsicherheit. Oder bloß kindliche Neugier.
Asgrim erwiderte den Blick nicht lange. Da war etwas an dem Kind, das ihn frösteln ließ. Die Tür zum Haus öffnete sich mit einem gepressten Quietschen, der Junge verschwand mit dem Mädchen darin. Ein kurzes Rufen, Stimmen, das dumpfe Schlagen von Holz gegen Holz, dann wieder Stille.
Asgrim blieb reglos im Sattel sitzen. Etwas Unausgesprochenes lag in der Luft, wie der Moment vor einem Sturm. Er wusste nicht, was genau ihn so aus dem Gleichgewicht brachte – der Blick des Jungen? Die vertraute Farbe seiner Augen? Oder bloß das Echo einer alter Schuld, deren Antwort er in jedem fremden Gesicht suchte? Dann öffnete sich die Tür erneut.
Die Frau, die heraustrat, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Keine Worte, kein Laut – nur dieser eine Atemzug, der sich anfühlte, als hätte ihm jemand einen Dolch in die Brust gerammt. Alles, was er glaubte hinter sich gelassen zu haben, kehrte in einem einzigen, mühelosen Schlag zurück: das Versprechen, das er gebrochen hatte. Der Blick, mit dem sie ihn damals verabschiedet hatte. Und das Schweigen danach – zehn Jahre lang. Sie war älter, gewiss – aber es war unverkennbar sie. Dieselbe Haltung. Derselbe Blick, scharf wie Eis im Morgengrauen. Ihr Haar, etwas heller nun, war zurückgebunden, ein loses Tuch um die Schultern geschlungen. Kein Zögern lag in ihrer Bewegung. Kein Staunen in ihrem Gesicht.
Sie sah ihn. Und sah ihn doch nicht.
Asgrim schluckte. Die Jahre zwischen ihnen waren plötzlich nichts als Schnee. Und jedes Wort, das er sich irgendwann einmal zurechtgelegt hatte, fiel ihm wie ein alter Mantel von den Schultern – schwer, durchnässt, bedeutungslos.
"Eydís."
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14-06-2025, 16:20 - Wörter:
Der Korb war fast voll. Ein Tuchbündel mit getrocknetem Frauenmantel, Johanniskraut und den Resten einer zerstoßenen Weidenrinde. Das Salbengefäß hatte sie doppelt eingebunden – die Kräutersalbe war empfindlich gegen Kälte, und draußen erhob sich der erste richtige Schneefall in dieser Woche. Sie musste vorbereitet sein. Zwei frische Leinentücher, ein gebrannter Tonkessel für warmes Wasser, ein geschnitztes Holzmaß, das ihre Tochter Runa für sie gefertigt hatte – und eine kleine, scharfe Klinge, die sie stets bei sich trug. Für die Nabelschnur. Oder für das, was das Leben manchmal sonst noch von einer Hebamme verlangte.
Eydís knotete das Lederband des Korbes fest und schlüpfte unter ihren Wollumhang. Die Geburt war noch nicht fällig, aber das Ziehen im Rücken der Frau war stark genug gewesen, um sie von einem beunruhigten Ehemann rufen zu lassen. Kein Risiko, hatte das Oberhaupt der Gerberfamilie gesagt. Nicht bei dem dritten Kind in zwei Jahren. Da sprang selbst ein missgünstiger Mann wie der der werdenden Mutter über seinen Schatten und richtete das Wort an die, mit der man für gewöhnlich nicht sprach. Zumindest zwischen zusammengepressten Zähnen hindurch.
Sie war gerade dabei, ihre Stiefel zu schnüren, als es draußen zu lärmen begann – das polternde Geräusch von zwei Paar kleinen Füßen auf der Holztreppe, der lautstarke Protest ihrer Jüngsten. „Njall!“, rief sie, ohne aufzusehen, „Wenn du Solveig wieder geärgert hast—“ Doch da flog die Tür schon auf. Ihr Sohn, mit Schnee im Haar und einer zerkratzten Wange, stand in der Tür. Hinter ihm Solveig, die ihm kaum bis zur Brust ragte, ihre kleinen Finger klammerten sich in seinen Mantel, zerrten daran, das Gesicht vor Wut hochrot. Doch der Junge achtete nicht auf sie.
’Mutter – da ist jemand auf dem Platz!’ Eydís richtete sich auf, blinzelte stirnrunzelnd. „Vermutlich ein Händler?“ Njall schüttelte den Kopf. ‘Nein. Nur ein Mann. Auf einem Pferd. Er hat … er hat mich angeschaut.’ Sie sah ihren Ältesten eine Sekunde lang prüfend an. Der Junge war ernst, aber nicht verängstigt. Eher irritiert. Sie trat zu ihm, strich ihm eine unbändige Strähne aus der Stirn. „Und du meinst, das ist Grund genug, deine Schwester wie einen Mehlsack durch durch das Dorf zu zerren?“ Ihre Stimme war ruhig, doch ihr Blick sprach von einem großen Erfahrungsschatz. In den letzten Wochen lieferten sich die beiden stets einen erbitterten Kampf aus Neckereien und kindlichem Zwist, und sie hatte es satt, Richterin spielen zu müssen.
Njall öffnete den Mund, hatte aber wie üblich nichts zu seiner Verteidigung zu sagen. Stattdessen deutete er nur mit einem Nicken zur Tür. Eydís seufzte leidgeprüft, doch etwas in seinem Schweigen, seinem Blick, ließ sie aufhorchen. Sie drehte sich um, griff nach dem Korb, dann zog sie das Tuch, das ihr in die Armbeugen gefallen war, hoch um ihre schmalen Schultern und öffnete die Tür. Der Schnee fiel inzwischen dichter, in dicken, schweren Flocken, die lautlos auf die Dächer fielen wie Staub auf längst Vergessenes. Als sie die Tür hinter sich zuzog, spürte sie die Kälte wie unzählige Schnitte auf der Haut – nicht wegen der Temperatur. Sondern wegen der Stille.
Der Platz lag wie ausgestorben da. Alles schien zu schweigen: die Linde, krumm und kahl, der Brunnen, selbst das Holz der umliegenden Häuser. Und inmitten davon – ein Reiter. Er saß reglos im Sattel, als wäre er mit dem Tier verschmolzen, ein Schatten aus einer anderen Zeit. Das Pferd war groß, der Schweiß stand ihm dampfend in den Flanken, doch es rührte sich nicht. Eydís blieb vor dem Haus stehen, die Finger fester um den Henkel des Korbes gekrallt. Ihre Augen glitten über das Tier, über den Reiter, bis zu dessen Gesicht.
Zu weit weg, um es klar zu erkennen. Aber etwas … etwas war da. Die Haltung vielleicht. Die Art, wie er sie ansah – denn sie spürte seinen Blick, noch ehe sie diesem begegnete. Er brannte. Nicht wie Feuer, sondern wie Eis. Etwas in ihr zog sich zusammen. Eine Erinnerung vielleicht. Ein Echo. Ein Name, den sie sich selbst verboten hatte, so oft, dass sie ihn nicht einmal mehr im Gebet zu flüstern wagte.
Instinktiv machte sie einen Schritt zurück, zog das Tuch über ihr Haar, zupfte es tief in die Stirn. Der Schnee begann, sich in ihren Wimpern zu verfangen, aber sie blinzelte nicht. Sie konnte nicht aufhören, ihn anzusehen. Länger diesmal. Als wollte sie sich überzeugen, dass sie sich irrte. Seine Augen waren seltsam hell. Ein klares, stechendes Blau, keine Farbe, die sie zuordnen konnte – oder wollte. Er war ein Fremder. Kein Name in ihrem Gedächtnis passte zu diesem Gesicht, zu diesen Augen. Und sie hatte lange aufgehört, in jedem Vorübergehenden ein Gespenst ihrer Erinnerung zu suchen. Diese Erinnerung war tot. Oder schlimmer: im Begriff vergessen zu werden.
Und doch… bewegten sich seine Lippen. Sie glaubte, ihren Namen zu hören. Etwas traf sie, wie ein Schlag gegen ihre Brust. Kein Laut – nur das Echo eines Namens, den sie längst verlernt hatte. Es musste ein Zufall sein. Ein Trugbild. Der Wind hatte den Klang verzerrt. Niemand würde sie bei ihrem Namen nennen. Sie war das Weib für ihren Ehemann. Die Hebamme für die schwangeren Frauen. Mutter für ihre Kinder. Hure für die Gemeinschaft. Niemand rief sie so – niemand, außer …
Ihre Finger begannen zu zittern, also schloss sie die Hand fester um den Korbgriff. Sie zwang sich zur Ruhe, atmete kontrolliert durch die Nase. Ihre Gedanken rasten schneller, als sie sie fassen konnte, doch ihr Gesicht blieb ruhig, unbewegt. Kein Zucken, kein Beben. Nur ein einziger, flüchtiger Ausdruck, der vielleicht Sehnsucht sein könnte. Oder Furcht.
Eydís nickte. Knapp. Wie man einem Fremden zunickt, dessen Weg man kreuzt, und dem man gezwungenermaßen ein wenig Höflichkeit zugesteht. Dann setzte sie sich in Bewegung. Machte einen Bogen um den Mann und sein Pferd, als sei es einfach ein weiteres Hindernis auf ihrem Weg. Ihre Schritte knirschten unter dem frischen Schnee, während sie den Platz querte, ohne sich umzudrehen. Doch der Blick dieses Mannes – dieses Fremden – haftete ihr an, wie ein Schatten, den kein Licht warf. Und mit jedem Schritt wuchs in ihr die Gewissheit. Und diese ließ sie ihre Schritte unwillkürlich beschleunigen.
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14-06-2025, 18:07 - Wörter:
Die blauen Augen des Winterländers hafteten auf der vertrauten Gestalt, die in diesem Moment fast fremd wirkte. Weit entfernt, als wäre sie nur eine Erinnerung, die sich ihm aufdrängte – oder vielleicht nur eine Einbildung. Sorgfältig musterte er jede ihrer Regungen, suchte verzweifelt nach einem Anzeichen, einem kleinen Zeichen, das ihm verraten könnte, dass sie ihn erkannte. Doch sie zog nur ihr Tuch tiefer in die Stirn und setzte sich wortlos in Bewegung. Asgrims Blick blieb auf ihr haften, während er die Zügel locker in der Hand hielt. Das Pferd spürte die feine Anspannung seines Reiters und trat leicht unruhig. Stumm verharrte er, ein Fremder zwischen Erinnerung und Wirklichkeit.
Ihr Nicken ließ Asgrim mit einem stechenden Gefühl der Unsicherheit zurück. Seine Lippen schürzten sich nachdenklich, während sich ein schwerer Schatten über seine Stirn zog. Er lehnte sich vorsichtig über den Hals seines Pferdes und strich dem kräftigen Hengst langsam und zögernd über das Fell – fast so, als hoffte er, durch diese beruhigende Geste auch die Unruhe in sich selbst zu lindern, die sich in den unruhigen Halbschritten des Tieres spiegelte. Das Tier schnaubte, warf den Kopf wild und zerrte am Zügel, als wolle es die drückende Stille hinter sich lassen. Getrieben von einer Unruhe, die auch Asgrim in der Brust spürte – ein dunkler Drang, weiterzugehen, bevor die Schatten der Vergangenheit ihn ganz einholten.
Doch jeder Schritt der Frau brannte sich tief in Asgrims Netzhaut, zog ihn wie ein dunkler Magnet in Bann. Geduldig zügelte er den unruhigen Hengst, zwang ihn zum Stehenbleiben, obwohl jede Faser in ihm nach Bewegung schrie. Sie glitt an ihm vorbei, umging Reiter und Ross mit einer kalter Entschlossenheit, schlug einen Weg ein, dessen Ziel Asgrim verborgen blieb. Der Schnee fiel dichter, wurde schwerer – als wolle die kalte Welt selbst die Spuren verschlingen, die sie hinterließ.
Der 32-Jährige verlagerte sein Gewicht leicht nach vorne, und der Schimmel unter ihm setzte sofort zu einem vorwärtstreibenden Schritt an. Mit einem feinen Kippen seines Beckens dirigierte er das Tier, der Frau zu folgen – zunächst in sicherem Abstand, dann langsam näherkommend.
Sie passierten die alte Schmiede, an der Arvid früher gestanden hatte, um Waffen zu schmieden oder die Hufe der Pferde der Reisenden zu beschlagen. Oft hatte dort ein kleines, blondes Mädchen im Schnee gesessen, hatte mit Dreck, Ästen und Schnee kleine Figuren gebaut, während ihr großer Bruder in der Nähe gewacht hatte. Doch heute lag die Schmiede verlassen und kalt da, nur ein misstrauisches Paar alter Augen lugte aus einem Fenster – vielleicht die Frau des Schmieds, die den frostigen Winter und die fremden Besucher mit Argwohn betrachtete.
"Eydís."Seine Stimme hallte durch die frostige Stille, fest und doch von einer leisen Bitterkeit durchzogen. Er hob den Blick und sah sie an, diese vertraute Gestalt, die vor seinem Pferd schritt – unerschütterlich, mit dem Korb fest in den Händen. Er erwartete keine Freude, keine Absolution, keine Gnade. Er wusste kaum noch, was er erwartete, denn von Hoffnungen und Gefühlen hatte er sich längst verabschiedet. Vielleicht sehnte er sich danach, ihren Zorn zu spüren, ihren Vorwurf zu hören – irgendetwas, das ihm zeigte, dass sie noch dieselbe war, die er einst gekannt hatte.
Ein leises Schnalzen ließ den Hengst antraben. Mit einem eleganten Schwung zog er an der Blondine vorbei, nur um den Schimmel abrupt zu stoppen und sich direkt vor ihr in den Weg zu stellen. "Wohin gehst du?", seine Stimme klang überraschend weich, fast fragil in ihrer Einfachheit. Die Frage war so banal, dass sie ihn selbst einen Moment lang irritierte — nicht, weil er unbedingt wissen wollte, wohin sie ging, sondern weil er sich für einen Augenblick fühlte, als hätte er sie genau diese Frage unter anderen Umständen gestellt. Vor zehn Jahren, bevor er in die Einöde gezogen war und nie mehr zurückkehrte.
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14-06-2025, 22:40 - Wörter:
Ein leises, ungeduldiges Schnauben durchbrach die frostige Stille, und Eydís’ Schultern zuckten kaum merklich zusammen. Ihre Finger verkrampften sich um den Korbgriff, während sich das Geräusch von Hufen auf festgefrorenem Grund langsam hinter ihr aufbaute. Noch entfernt, aber nicht weit genug, um ihr Herz nicht stolpern zu lassen. Noch nicht nah – aber immer näher kommend. Das Geräusch klang dumpf, schwer. Wie ein Gewicht, das unzählige Jahre auf ihren Rücken zu laden versuchte.
Ihr Atem geriet ins Stocken. Nicht wegen der Nähe des Reiters. Nicht wegen jener Erinnerung am Rande ihres Bewusstseins, die wie eine Messerklinge durch das Gewebe ihrer Gegenwart geschnitten hatte. Sondern wegen des Tiers. Die Angst kam nicht plötzlich, sie kam schleichend, wie sie es immer tat, wenn sie sie erwischte – wie ein Echo aus der Einöde, wo die Stürme ewig und die Kälte unerbittlich waren, der Boden unendlich tiefe Risse besaß. Sie erinnerte sich an Blut im Schnee, an das Gewicht eines gestürzten Tieres, das sie unter sich begraben hatte, an kein Entkommen, und niemand, der kam, weil niemand wusste, wo sie war.
Der Hufschlag kam näher, und ihre Schritte wurden automatisch kürzer, hektischer.
„Eydís.“
Ihr Name. Wieder. Diesmal nicht verweht vom Wind. Klar, getragen von einer Stimme, die wie poliertes Holz klang – rau, warm, mit diesem tiefen, brüchigen Unterton, den man nie ganz vergaß. So hatte er geklungen, in der Zeit, bevor sie aufhörte, von ihm zu träumen.
Die Erkenntnis schnitt durch sie hindurch.
Er war es.
Es war wirklich er.
Sie wagte nicht, sich umzudrehen. Nicht, weil sie sich nicht sicher war. Sondern, weil sie sich zu sicher war. Runa würde vermutlich entsetzt behaupten, sie habe ihre Mutter so noch nie gehen sehen – wie eine Frau, die versuchte, dem eigenen Herzschlag davonzulaufen. Aber Runa war nicht hier. Niemand war hier, außer ein paar Dorfbewohnern, die aus Fenstern spähten oder hinter Türen hervorlugten. Sie hatten ihren Namen gehört, nicht ihre zweifelhaften Titel. Ihren wirklichen Namen.
Sie spürte die Blicke. Fragend. Missbilligend. Lüstern vor Neugier. Wer wagte es, sie so zu nennen?
Ihre Finger waren längst taub, der Korb rutschte leicht. Doch sie hielt ihn fest. Sie musste ihn festhalten. Wenn sie losließ, fiel sie vielleicht selbst. Die Welt begann sich um sie zu verengen – alles bestand nur noch aus dem Klang von Hufen und dieser Stimme, die etwas in ihr zerbrach, das sie so lange bewahrt hatte. Den Glauben, dass er tot war. Dass sein Verlust wenigstens eine Art von Frieden war.
Ein letzter, unsicherer Schritt, dann – ... Der Schimmelhengst trat ihr in den Weg. Wuchtig, gewaltig. Seine Nüstern zitterten, das Fell war vom dichter werdenden Schnee gesprenkelt, sein Brustkorb hob und senkte sich rasch, und doch wirkte er in sich ruhend. Zwischen ihnen stehend, zwischen Eydís und ihm – nichts als sein Leib. Kein Vorbeikommen.
Sie blieb stehen. Ihre Brust hob sich kaum, das Atmen war mühsam geworden, als würde das Tier ihr die Luft aus den Lungen drücken. Ihre Finger öffneten sich ohne ihr Zutun. Und der Korb fiel. Das dumpfe Poltern von Weidenholz auf harschem Schnee, das Rollen eines Salbentiegels, das eindeutige Splittern des Tonkessels – alles wirkte wie in weiter Ferne. Sie starrte nicht auf den Mann. Nicht auf das Pferd. Nur auf einen Punkt zwischen den Vorderhufen des Tieres, wo sich die Schatten des Reiters und ihres eigenen Körpers trafen.
Ihre Knie wollten nicht mehr, doch ihre Füße blieben trotzdem stehen. Fliehen wäre leicht. Aber sie hatte nicht gelernt, sich zu retten, um nicht zu überleben.
„Wohin gehst du?“
So banal. So entwaffnend. Als hätte er sie nicht zehn Jahre lang vergessen. Als sei da kein Kind, das ihren Namen nie von seinem Vater gehört hatte. Als hätte er nie die Wahl gehabt – und nicht sie gewählt.
Eydís schwieg, hob nicht den Blick. Denn wenn sie es tat – wenn sie sah, dass er lebte, dass sein Haar vom Schnee ebenso schwer war wie früher, dass sein Blick sich nicht verändert hatte – dann würde sie brechen. Und sie durfte nicht brechen. Nicht vor ihm. Nicht jetzt. Niemals.
Ihre Stimme, als sie doch sprach, klang nicht nach ihr selbst. Sie war rau, nüchtern, fast tonlos. „Du bist nicht tot.“ Es war kein Vorwurf. Kein Triumph. Nur eine Feststellung. Und sie schmeckte nach Endgültigkeit. Sie machte einen Schritt zurück. Nicht viel. Nur einen halben vielleicht. Gerade genug, um nicht von der Wärme des Pferdekörpers erfasst zu werden. Gerade genug, um die Kälte der Welt wieder zwischen sich und diese Erscheinung zu lassen.
Ihre Finger bewegten sich. Ein Zucken nur, als wollten sie nach dem Korb greifen – und fanden doch nur Leere. Sie zitterte, doch nicht nur vor Kälte.
„Verschwinde.“ Ein Flehen, oder ein Befehl. Vielleicht beides. Es kostete sie jedenfalls mehr Kraft als die anstrengendste Geburt. Mehr als all die kleinen und großen Tode, die sie je begleitet hatte. Und sie wusste, er würde sie nicht einfach gehen lassen. Nicht heute. Nicht mit den Augen, in die sie sich weigerte zu blicken. Nicht mit einer Stimme, die sich wie eine zweite Haut über ihre Erinnerungen legte. Nicht mit einem Namen, der ihr Herz zu Boden riss wie ein gefallener Stern.
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15-06-2025, 09:36 - Wörter:
Aufmerksam ruhte der Blick des Winterländers auf der Jüngeren. Das Fallen des Korbes und das Zerspringen des Tonkruges klangen unnatürlich laut in der kalten Luft – doch er regte sich nicht. Kein Zucken, kein Laut. Als ginge ihn der Bruch, der da vor ihm geschah, nichts an. Er bot ihr keine Hilfe an. Regungslos blieb er sitzen, während die Scherben sich im Schnee verloren und die Überreste des Inhalts dumpf im schmutzigen Schnee versanken. Die Kälte des Tages schien in diesem Augenblick in ihm selbst Einzug zu halten. Er beobachtete sie – das Tuch über ihrem Haar, den starren Blick, der irgendwo vor den Hufen seines Pferdes haftete. Vielleicht war das gar nicht - mehr - Eydís. Der Gedanke kam nicht wie ein Schock, sondern wie ein langsames Ausbluten – eine Erkenntnis, die sich in ihm niederließ, schwer und ohne Mitleid. Er hatte mehr erwartet als diese in sich zusammengesunkene Hülle, die durch den Schnee stapfte wie ein Geist ohne Ziel. Mehr als diesen stillen Schatten einer Frau, die ihm einst Feuer entgegengeschleudert hatte.
„Du bist nicht tot.“
Ihre Stimme war farb- und tonlos. Ein Hauch, kaum mehr als Atem, und doch reichte er aus, um etwas in ihm gefrieren zu lassen. Sie wich einen halben Schritt zurück. Das Gesicht des Blutfjells verhärtete sich, eine Miene wie aus Stein geschlagen. "Nein. Aber du anscheinend", entgegnete er. Die Worte kamen härter, schärfer, als beabsichtigt. Kein Vorwurf. Keine Enttäuschung. Nur die nüchterne Klinge einer Erkenntnis, die schnitt.
Er hatte nicht erwartet, dass sie gewartet hatte. Nicht, dass sie stehen geblieben war. Aber er hatte geglaubt, gehofft vielleicht, dass sie ihr Feuer bewahrt hatte. Dieses unbändige Leuchten, das einst stärker war als jeder Sturm. Doch das, was da vor ihm stand, war nicht Eydís. Es war der Schatten ihrer selbst. Gebrochen. Leise. Schwach. Und Asgrim verabscheute Schwäche. Hatte er schon immer. Besonders jene, die in vertrauten Zügen lauerte. Diese Empfindung, so alt wie sein Stolz, schmerzte im Bezug auf Eydís mehr als alles, was zwischen ihnen je ungesagt geblieben war. Mehr als die Tatsache, dass er sie all die Jahre vermisst hatte. Mehr als das Eingeständnis, dass ein Teil seines Herzens immer noch ihr gehörte – oder dem Mädchen, das sie einst gewesen war. Und vielleicht war genau das das Grausamste an dieser Begegnung: Dass sie nicht das war, was er sich in dunklen Nächten ausgemalt hatte. Dass sie nicht mehr das Licht trug, das ihn einst zurückgehalten hätte.
Stattdessen war da nur Stille. Und ein Schatten, der aussah wie sie. Und das schmerzte. Tiefer, giftiger als all die Jahre der Abwesenheit.
„Verschwinde.“
War es ein Flehen, ein Befehl – oder der letzte Versuch, etwas zu wahren, das längst in sich zusammengefallen war? Asgrim rührte sich nicht. Nur sein Blick – kalt, unergründlich – blieb auf ihr liegen, wie der erste Frost auf einem Grabstein. Dann, mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung seiner Schenkel, lenkte er den Hengst zur Seite. Der Schnee knirschte dumpf unter den schweren Hufen, als das Tier den Weg freigab. Aber der Winterländer machte keinen Schritt zurück. Er wich nur äußerlich. Innerlich blieb er dort stehen, wo ihre Worte ihn getroffen hatten. Dort, wo das Echo von „Verschwinde“ mehr war als ein Wunsch nach Abstand. Es war ein Urteil. Eines, das tiefer schnitt als jedes Schwert.
Asgrim blieb reglos, nur sein Blick veränderte sich. Eine Spur Verachtung vielleicht – aber nicht für sie. Sondern für das, was aus ihr geworden war. Seine Stimme war leise, aber sie schnitt durch den fallenden Schnee wie eine schartige Klinge: "Ich habe dich stärker in Erinnerung." Ein kurzer Moment, in dem er sie beinahe erwartungsvoll ansah. Fast so, als wolle er sie herausfordern, sich zu erheben, ihm zu widersprechen, das Feuer zu zeigen, das er einst in ihr geliebt und gefürchtet hatte. Doch er sah nur den Schatten eines Widerspruchs in ihren Zügen. Und vielleicht auch das Echo von Schmerz. Er schnaubte leise, nicht spöttisch – resigniert. Das Pferd unter ihm trat unruhig auf der Stelle, als würde es das Gewicht seiner Worte spüren. Doch Asgrim hielt es noch einen Moment, wartete. Als hinge irgendetwas in der Luft, das ausgesprochen werden wollte.
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15-06-2025, 17:45 - Wörter:
’Nein. Aber du anscheinend.’
Und einen Moment lang war da nichts. Nur der Wind, der um die Ecken des Dorfes strich, die neugierigen Augen hinter den Fenstern, das Knistern der zunehmenden Kälte, das sich in ihrer Kehle sammelte wie der Rauch eines Flächenbrands.
Seine Stimme schnitt, härter als jeder einzelne der vergangenen zehn Winter. Härter als die Schreie der Gebärenden in all den Nächten, härter als das Brechen eines mütterlichen Herzens beim letzten rasselnden Atemzug eines Kindes, das nicht gekommen war, um zu bleiben. Diese Worte, so einfach, so nüchtern, hätten aus jedem anderen Mund gleichgültig gewirkt. Hätten sie nicht berührt. Aber aus seinem …
Sie hatte ihn nie so sprechen hören. Nicht mit ihr. Niemals hätte er sie derartig geschnitten. Und jetzt tat es weh. Nicht auf die Art, wie es wehtat, wenn eine Narbe aufriss. Sondern wie ein alter Bruch, der nie ganz heilte und bei Kälte neu zu pochen begann. Etwas in ihrer Brust spannte sich, zog sich zusammen, wie ein verwundetes Tier, das sich duckt, bevor es beißt.
Ein Hauch Verzweiflung huschte über ihre stoische Miene, doch diese begegnete keinem anderen – denn sie hob immer noch nicht ihren Kopf. Stattdessen machte sie einen weiteren Schritt zurück. Obwohl er das Pferd zur Seite getrieben hatte, war es immer noch zu viel. Zu nah. Zu ... kalt.
Sie spürte das Beben in ihren Fingerspitzen erst, als sie sich zwang, niederzuknien. Nicht als als Beweis seiner offensichtlichen Theorie, sondern um einzusammeln, was ihr entglitten war. Der Korb, die Utensilien. Das, was sie so geordnet hatte, ehe er kam. Mit Bedacht griff sie nach dem Tiegel, dessen Rand abgebrochen war. Nahm ihn auf wie ein verletztes Kind – vorsichtig, aber bestimmt. Dann widmete sie sich den Scherben des Tonkessels. Ihr Blick blieb weiterhin gen Boden gerichtet, doch ihr Inneres kochte.
Sie war tot, hatte er gesagt. Und vielleicht war sie es auch, ein Teil in ihr sicherlich. Aber ein anderer, essentziellerer Teil, rührte sich plötzlich. Hob langsam, wachsam, den Kopf aus der Asche ihrer Exiszenz. Als ihre Finger sich um die letzte Scherbe legten, sprach er erneut.
Und ihr Zorn, ihr so lang gehüteter Schmerz nahm plötzlich überhand. Ein Ruck, ein kleiner nur, und dann – ein stechender Schmerz. Scharf. Heiß. Ein Schnitt quer durch die Handfläche, wie mit Präzsion gezogen. Die Wunde klaffte nicht weit, aber tief genug, dass das Blut sofort zu sehen war. Sie sog scharf die Luft ein und verzog das Gesicht – nicht schmerzerfüllt, sondern wütend. Eine Mischung aus Trotz und Widerstand zuckte in ihren Zügen. Sie blieb kurz so, auf den Knien im Schnee, das Blut tropfte. Dann hob sie langsam den Kopf. Ein erster Blick, der nicht vorsichtig war, ihn nicht tastend traf. Ein Blick, der schnitt.
Ihre Stimme war nicht laut. Aber sie trug weiter als alles bisher. „Dann hättest du bleiben sollen.“ Sie stand auf, mit erhobenem Kinn, blutend, mit dem Korb in der einen Hand und dem Schmerz in der anderen. Nicht stark, vielleicht. Aber lebendig. Und das, was in ihren Augen loderte, war nicht das Licht von früher. Es war härter. Dunkler. Und es gehörte ihr ganz allein.
Der Schnee knirschte unter ihren bloßen Füßen, als sie einen Schritt auf ihn zu machte. Nur einen. Keine Angst mehr. Nur Wut. Ihre Augen glänzten, aber sie weinte nicht. Tränen waren längst zu Eis um ihr Herz geworden. „Wenn ich tot bin, dann hast du den Dolch geführt.“ Sie sah ihn an – wirklich an – vielleicht nicht mit dem Blick des Mädchen von damals, aber zumindest mit seiner Erinnerung. Sie dachte seinen Namen, das erste Mal seit Jahren – Asgrim – sprach ihn in ihrem ausgedörrten Herzen, immer wieder, wie eine fremdländische Vokabel. Und für einen winzigen, flüchtigen Herzschlag zeigte sie ihm, dass sie noch da war. Nur nicht mehr für ihn.
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15-06-2025, 18:56 - Wörter:
„Dann hättest du bleiben sollen.“ Asgrim neigte den Kopf leicht zur Seite, als sie sich wieder erhob. Er betrachtete sie wie eines jener abstrakten Kunstwerke, das vermutlich nur der Künstler selbst verstand. Sein Blick haftete an ihr, suchte nach Linien, nach Resten von Vertrautem, doch fand nur Schatten. Die dunkle Nuance, die sich in ihren Augen spiegelte, war ihm fremd – so fremd, dass es ihn hätte erschüttern müssen. Doch das tat es nicht. Stattdessen breitete sich eine seltsame Akzeptanz in ihm aus. Kein Trost, keine Erlösung – eher ein kaltes Einverständnis mit etwas, das zwischen ihnen stand. Etwas, das er nie hätte benennen können, aber immer gekannt hatte. Denn das war es, was er am besten konnte: Abstand halten. Fühlen, ohne es zuzulassen. Verlieren, ohne sich je wirklich zu binden. Ein feiner Hauch von Spott umspielte Asgrims Lippen – nicht gegen sie gerichtet, sondern gegen sich selbst. Gegen die seltsame Ironie des Moments.
"Das hätte nichts geändert und das weißt du." Er sagte es, als stelle er eine Tatsache fest. Kein Bedauern. Keine Bitte. Nur ein bleiernes Wissen, das sich zwischen ihre Brustkörbe legte – kalt, schwer und endgültig. Sein Blick blieb an ihrem haften, suchte nicht mehr nach dem Alten, sondern maß das Neue. Die Dunkelheit darin. Die Leere. Die fremde Tiefe, die sich mit seiner eigenen zu spiegeln schien – verzerrt, aber erkennbar.
Der Wind zerrte an den Stofflagen ihres Mantels, wie ein ruheloser Mahner, der zur Eile drängte. Doch sie wich nicht zurück. Stattdessen trat sie einen Schritt vor, das Kinn trotzig gereckt, und in ihren grauen Augen loderte eine Wut, die kälter wirkte als jeder Sturm Norsteadings. Keine Hilflosigkeit, keine Tränen – nur Stahl.
Asgrim verharrte. Etwas in ihrem Blick hielt ihn fest. Dann, ohne ein Wort, schwang er sich aus dem Sattel. Der große Apfelschimmel schnaubte leise, als der Mann neben ihm auf dem gefrorenen Boden landete, der unter seinem Gewicht kaum nachgab. Er blieb stehen, regungslos, nur der Umhang bewegte sich im Wind. Zwei Statuen aus Erinnerung – und dazwischen nichts als verlorene Jahre.
„Wenn ich tot bin, dann hast du den Dolch geführt.“
Wie konnte sie es wagen, ihm solch einen Satz an den Kopf zu werfen? Die Worte hallten nach – leise, aber mit dem Gewicht eines Urteils. Eine von Asgrims Brauen hob sich, langsam, im Unglauben, während in dem eisigen Blau seiner Augen etwas Dunkles aufflackerte. Etwas, das er lange unter Verschluss gehalten hatte. Er trug nicht ihre Schuld. Nicht nach all der Zeit. Zehn Jahre hatte sie gehabt – zehn Winter, um ihr Leben neu zu ordnen, aufzubauen, zu füllen. Und offenbar war ihr das gelungen: mindestens zwei Kinder, vermutlich ein Ehemann. Was, bei Heofader, hätte sie denn noch gewollt? Oder gebraucht? "Wenn du glaubst, ich hätte auch nur einen Hauch Macht über dein Leben gehabt, dann hast du dich längst selbst eingesperrt." Seine Stimme war ruhig, fast zu ruhig – doch das leise Beben darunter verriet die Spannung, die sich wie ein Riss durch seine Fassade zog. "Ich war fort, Eydís. Du warst hier. Alles, was aus dir geworden ist, ist deine Geschichte – nicht meine Schuld." Ein Muskel zuckte an seinem Kiefer. Er ließ sich nicht den Dolch in die Hand drücken, für Wunden, die sie sich selbst geschlagen hatte. Für ein Leben, das sie scheinbar selbst aufgegeben oder gewählt hatte.
"Wenn ich dein Verderben bin, Eydís... dann hast du dich ihm mit offenen Armen hingegeben." Ein Schatten huschte über sein Gesicht, als wäre die Wahrheit, die er aussprach, auch für ihn eine Last. Sein Blick war hart, fast mitleidlos. Der Abstand zwischen ihnen schmolz als er auf sie zutrat, doch die Kälte in seinen Worten fror jede Nähe wieder ein.
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| Eydís Vigdal |
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16-06-2025, 17:01 - Wörter:
Der Schnitt in ihrer Handfläche brannte, doch bei weitem nicht so sehr, wie all die Schnitte, mit denen Asgrim sie übersäte. Es war jedoch der Körperliche – klein, nahezu verborgen – der sie aufrecht hielt. Denn während Asgrim vom Pferd stieg, schwer wie sein unabänderlich fallendes Urteil, war da plötzlich nur noch das Blut in ihrer Faust. Warm. Lebendig. Echt. Alles andere war nur Rauschen.
Seine Bewegungen waren fließend. Bedrohlich ruhig. Selbst mit all dem schützenden Leder, den wärmenden Fellen schien er sich lautlos zu bewegen, mit der Statur eines Kriegers, den selbst der schärfer werdende Wind nicht zu behelligen traute. Er glitt lediglich vom Rücken seines riesigen Pferdes, und doch war es, als würde er ihr den Boden unter den Füßen nehmen. Sie hatte ihn so oft absteigen sehen. Nach der Jagd. Nach einem heimlichen Ausritt durch den Fluss an einem milden Sommertag, halbnackt, mit unzähligen Wassertropfen in seinem blonden Bart. Und von ihr, damals. Die Erinnerung schnitt härter als die Scherbe in ihrer Hand, die endlich fallen ließ.
Als ihr Blick den seinen kreuzte und hielt, war es, als hätte jemand einen Schleier weggerissen. Da war nichts wirklich Fremdes in seinen Zügen – nur mehr Schatten. Die Linien schärfer in seinem Gesicht waren schärfer, das Licht in seinen Augen blasser. Aber es war er. Und sie mochte schreien, bei all dem, was sich bei seinem Anblick in ihrer Brust regte. Doch sie tat es nicht, hob stattdessen nur das Kinn.
Seine Worte trafen sie kalt, wie Eisregen auf ungeschützte Haut. Doch was er sagte … war falsch. Es hätte alles geändert. Alles. Sie spürte, wie sich ihr Herz verkrampfte, wie ihre Kehle sich gegen das eiserne Schweigen wehrte. Aber sie konnte nicht antworten. Nicht auf das, was unausgesprochen zwischen ihnen stand. Nicht mit einer Wahrheit, die sie nie würde sagen können.
Denn was sollte sie sagen? Dass er nicht nur sie allein zurückgelassen hatte? Dass jeder Tag seither ein Tanz auf brennenden Kohlen gewesen war, ein Spagat zwischen Muttersein und Schweigen, zwischen Verleugnung und Schmach? Allein der Gedanke an ihren Sohn ließ sie innerlich taumeln, äußerlich blieb sie jedoch standhaft. Stoisch beinahe. Starrte ihn an wie eine Feste, die nie gefallen war. Doch in ihrem Inneren brach es, still.
Sie konnte sich ein Leben ohne sein Kind darin kaum vorstellen. Und doch war es genau dieses Leben, das er ihr beschert hatte, ohne es zu wissen. Ohne es zu ahnen. „Du weißt gar nichts“, sagte sie leise. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber sie schnitt trotzdem tief. „Du warst fort, aber dein Schatten ist geblieben. Jeden verdammten Tag.“
Sie trat nicht zurück, obwohl er ihr nun so nah war. Fast einen Kopf größer, der Körper breiter, schwerer, wie das Auge eines Sturms, das sich über sie legte, sie abschirmte von Wind und Schnee. Sie roch ihn – Leder, Schnee, Stahl. Erinnerte sich plötzlich lebhaft, wie es damals gewesen war. Haut an Haut. Der Rauch des Kaminfeuers in ihrer Nase. Ihr langes Haar, das ihn kitzelte. Seine Hände auf ihren Hüften, besitzergreifend fest, als würde sie ihm gehören. Er würde sie niemals gehen lassen, hatte er ihr zugeraunt, irgendwann inmitten eines süßen Chaos aus Leidenschaft und Lust. Und dann war er verschwunden.
Sie spürte, wie sich ihr Atem beschleunigte. Nicht aus Angst, nicht einmal aus Zorn. Sondern aus einem ursprünglicheren Grund. Jenem, den sie all die Jahre vergebens gesucht hatte. Doch da war er wieder, wie eine sanfte Glut unter kalter Asche. Die Erinnerung an ihr Feuer. „Ich habe mich nichts hingegeben.“ Sie spuckte die Worte beinahe aus, mit fester, klarer Stimme. „Ich habe überlebt.“
Sie schwieg nun, senkte jedoch nicht den Blick, ließ ihn sie ansehen, ließ ihn jede Linie in ihrem Gesicht lesen. Die tiefe Falte zwischen ihren blonden Brauen, die Müdigkeit in ihrem Blick, doch auch jedes noch so winzige Glimmen, das geblieben war. Sie umklammerte mit der linken Hand den Korb, während ihre blutende Rechte sich zur Faust ballte. Sie spürte die Nässe darin, das warme Rinnen zwischen den Fingern. Doch sie wich nicht zurück. Er war so nah, dass sie den Herzschlag in seiner Halsbeuge sehen konnte, so bildete sie es sich zumindest ein.
Durch seine Nähe wurde ihr bewusst: seine Kälte war keine Mauer. Es war ein Nebel. Ein dichter zwar, aber einer, den man durchdringen konnte, wenn man den Weg kannte. Und einst hatte sie ihn gekannt. „Ich war nie dazu bestimmt, ein Teil deines Lebens zu sein, Asgrim Blutfjell. Ich weiß, dass ich lediglich ein kleiner Umweg gewesen bin.“ Ihre Stimme war ruhig, aber ihr Blick flackerte und ihre Stimme brach, als sein Name über ihre Lippen perlte. Etwas glomm in ihr auf. Nicht Hoffnung – niemals. Aber ein Hauch von Erinnerung. Von dem, was war, und was niemals hätte sein dürfen. „Doch du hast diesen einst geküsst.“
Eine Pause, schmal wie ein Klingenrücken. Ein Schritt nach vorn. Nur einer. Nah genug, dass sie den Atem zwischen ihnen spürte. „Und du konntest ihn nie fragen, was dieser Umweg für dich getragen hat.“ Dann trat sie zurück. Langsam. Und der Wind riss wieder an ihrem Mantel, an ihren Haaren, an ihrem Stolz. Sie drehte sich nicht um. Doch ihre Schultern bebten – nicht aus Schwäche, sondern weil sie endlich wieder atmete.
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| Asgrim Blutfjell |
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16-06-2025, 22:08 - Wörter:
Sie hielt seinem Blick stand – unbewegt, ungebeugt – und in Asgrim regte sich eine leise, bittere Genugtuung. Es war der flüchtige Beweis, dass noch ein Funke jener Eydís in ihr brannte, die er einst fast fanatisch verehrt hatte. Nicht das Mädchen, das gefallen war – sondern die, die zu lodern wusste, wenn man sie herausforderte. Doch seine Miene blieb unbewegt. Er sah auf sie herab mit einer Intensität, als wolle er eine Wahrheit aus ihrem Gesicht lesen, die er selbst nicht benennen konnte. Etwas, das vielleicht verriet, was in den vergangenen zehn Jahren geschehen war. Ob die Dunkelheit in ihren Augen die Folge der Jahre war – oder die Strafe für eine Entscheidung, die sie einst getroffen hatte.
Und obwohl sie ihm gegenüberstand, wirkte sie seltsam fern. Wie ein Echo ihrer selbst. Etwas in ihm wollte sie greifen, festhalten, schütteln – nicht aus Wut, sondern aus dem verzweifelten Wunsch, sie zurückzuholen. Oder die Jahre die zwischen ihnen standen. Aber seine Hände blieben ruhig, seine Züge hart. Denn Asgrim wusste, dass manche Abgründe zu tief wurden, wenn man sie zu lange ansah. Und je länger er suchte, desto mehr wuchs der bittere Verdacht, dass er sich in seiner Annahme getäuscht hatte. Dass es nicht die Welt oder sie selbst gewesen war, die Eydís gebrochen hatte – sondern vielleicht er. Ein Gedanke, der wie kaltes Eisen in seiner Brust lag. Doch selbst wenn er es erkannte, blieb sein Blick hart. Asgrim kannte kein Zurück – nur Vorwärts. Und sie musste nun zeigen, ob noch etwas in ihr war, das mitkam. Oder sich ihre Wege hier endgültig trennten.
„Ich habe überlebt.“
Asgrim konnte nicht wissen, was in Eydís' Leben geschehen war – nicht wirklich. Er wusste nichts von dem Kind, das er hinterlassen hatte. Nichts von dem zarten, kaum geformten Leben, das in ihrem Leib herangewachsen war, während er sich entschlossen hatte, zu verschwinden. Er konnte nicht ahnen, dass sein Verschwinden sie nicht nur mit Scham zurückließ, sondern mit einem Makel, der in den Augen der Dorfbewohner nie verziehen wurde. Dass sie, kaum mehr als ein Mädchen selbst, zur Zielscheibe wurde – für Spott, Misstrauen und kalte Blicke.
Asgrim trug die Narben vieler Kämpfe, doch jene, die er Eydís zugefügt hatte, waren unsichtbar – und doch tief. Er konnte sich nicht vorstellen, wie viele Türen sich vor ihr geschlossen hatten. Wie viele helfende Hände zurückgezogen wurden, als ihr Bauch zu rund wurde, um noch verleugnet zu werden. Und vielleicht war es auch besser so. Denn was hätte es geändert?
Es wäre mühsam gewesen, darüber zu philosophieren, was hätte sein können, wenn er geblieben wäre. Wenn er ihre stille Angst bemerkt hätte. Ihren suchenden Blick. Es gab zu viele Eventualitäten. Zu viele Wege, die nie gegangen wurden. Und Asgrim war keiner, der in Möglichkeiten dachte. Er war jemand, der sich dem Jetzt stellte – oder sich davor verschloss. Also ließ er sich in eine Ahnungslosigkeit fallen, die alles leichter machte. Denn Unwissenheit war nicht nur Schutz. Sie war auch eine Waffe. Eine, die er gegen sich selbst richtete, ohne es je zu merken.
"Du hättest den Schatten loslassen sollen." Die Worte fielen ruhig, fast tonlos, doch ihre Schwere lag wie kalter Reif in der Luft zwischen ihnen. Er hatte seine Geister in die Kälte geworfen, begraben unter dem Schnee ferner Berge, hinter sich gelassen wie eine Hülle, die er nicht mehr brauchte. Sie hingegen hatte die ihren umklammert, sie anscheinend genährt, sie sich zum Begleiter gemacht. Und jetzt stand sie da – von einem Leben gezeichnet, das ihm fremd war und das er nicht zu tragen gedachte.
Asgrim hob die Hand, langsam, beinahe bedächtig – und doch lag etwas Unvermeidliches in der Geste. Seine Finger legten sich um ihr stoisches Kinn, hielten sie fest. Der raue Daumen strich über die markante Linie ihres Kiefers, als wolle er sich vergewissern, dass sie wirklich da war – aus Fleisch, aus Trotz, aus einer Vergangenheit, die nicht totzukriegen war. Doch es war keine Zärtlichkeit in seiner Berührung. Kein Trost, kein Frieden. Nur das kalte Echo eines alten Besitzanspruchs, der nie ausgesprochen, aber stets spürbar gewesen war. Und etwas in seinem Blick verriet, dass er sich daran erinnerte.
"Du hast Recht. Du warst nie dafür bestimmt ein Teil meines Lebens zu sein." Die Worte kamen leise aber rau. Asgrim nickte leicht, als würde er einem - oder vielmehr ihrem - Urteil zustimmen, das längst gefällt war. Seine Hand löste sich langsam von ihrem Kinn, glitt hinab, als hätte jede Spannung ihn verlassen. Schlaff fiel sie an seine Seite, die Schultern ein Hauch schwerer, das Gesicht undurchdringlich. Doch in seinen Augen loderte noch etwas – kein Zorn, kein Schmerz, sondern dieser stumme, tief vergrabene Trotz, mit dem er sich selbst vor der Welt schützte.
Kurz kam sie näher – zu nah, als dass die Erinnerung nicht wie ein Donnerschlag in Asgrims Gliedern nachhallen konnte. Ihr Duft, so vertraut wie ein altes Lied, stieg ihm in die Nase, brachte für einen flüchtigen Moment etwas Weiches in seine Miene, bevor sich seine Kiefer wieder anspannten, wie unter dem Druck nicht gesprochener Worte. "Und was hat dieser Umweg für mich getragen?" Ihre Stimme war ruhig, doch ihre Worte trugen Dornen. Rätselhaft, wie so vieles an ihr, und doch so deutlich, dass sie ihn trafen, noch bevor er sie ganz verstanden hatte. Asgrims Stirn legte sich in Falten, während sein Blick sich verengte – nicht aus Unverständnis, sondern aus einem vorsichtigen Abtasten der Bedeutung.
Dann wich sie zurück. Wieder einen Schritt entfernt.
Der Wind schnitt zwischen ihnen wie ein kalter Keil, und obwohl der Schimmel ungeduldig schnaubte und mit den Hufen scharrte, schien die Stille um sie herum schwerer und lauter als jedes Geräusch zu sein.
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